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Lieber Leserinnen und liebe Leser.

IPON blickt der Veröffentlichung des ersten Journals freudig entgegen. Die Texte sind in englischer Sprache verfasst, um sie den internationalen Öffentlichkeiten zugänglich zu machen. In den nächsten Tagen werden die Observer das Heft in den Philippinen verteilen. Angesprochen sind vor allem zivilgesellschaftliche Gruppen, als auch staatliche Institutionen.

Das Heft ist hier als pdf-Dokument zu finden.

Viel Freude.

Dorf Balig´ang

"Observe the observers", beobachte die Menschenrechtsbeobachter - Ein Satz, den wir nicht selten zu hören bekamen und bekommen. Entsprechende Fotografien gibt es dann auch. Hier werde ich wohl kritisch von Mutteraugen beäugt. Nachdem ich einen Floh im Fell des Kleinen entdeckte und sich mir daraufhin ein ganzes Nest an Flöhen offenbarte, hatte sie ihren Welpen wieder zurück.

Es ist der 26. Juli 2009. Edvardo und ich kommen in Balig´ang an, dem Ort, der meine Wurzeln in Bondoc wachsen ließ. Ein Bauer namens ‚Buda‘ fährt uns mit seinem Motorrad bis zum Ende des befahrbaren Weges. Von hier aus wandern Ed und ich den Berg hinauf, bis wir schließlich die mir vertrauten Bambushütten entdecken. Schräge Töne schallen uns entgegen. Nele hatte mich bereits vorgewarnt, dass es in Balig´ang mittlerweile Strom gäbe. Die Warnung bezog sich jedoch nicht auf diesen bloßen Fakt, sondern eher auf die Ausgestaltung des Elektrizitätsphänomens. In der fünf Hütten umfassenden Siedlung wird der Strom, der durch einen laut brummenden Generator mit Benzin erzeugt wird, für ganztägige Unterhaltung genutzt: Filme auf DVD. Als Ed und ich das Dorf erreichen, sitzt eine Menschengruppe beieinander und sieht sich sichtlich konzentriert und fasziniert einen Film an.

Ich bin aufgeregt, weil ich Ed endlich den Ort zeigen kann, von dem ich ihm schon so viel erzählt habe, und weil ich mich verabschieden werde. Als Geschenk werde ich Albert*, örtlicher Gruppensprecher der KMBP hier in den Bergen, später den in seine Sprache übersetzten Artikel von mir geben. IPON-Freiwillige veröffentlichen in Deutschland permanent Artikel, schreiben UnterstützerInnenbriefe oder halten Vorträge. Von all dem bekommen die KMBP-Bauern in den Philippinen nicht viel mit.

Albert soll wissen, dass Balig´ang, die Ansammlung von nur wenigen Bambushütten, Anlass war, eine Geschichte zu erzählen und sie mit anderen Menschen zu teilen. Geschichten sind ein Verbindungselement für Menschen, sind Anlass für Austausch und sie helfen uns, Zurückliegendes nicht zu vergessen.

Als Friedensbeobachterin in Bondoc habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Geschichten der KMBP-Bauern zu sammeln, sie zu erzählen und sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Nicht immer ist das Geschichtenerzählen einfach, wenn wir Wochen über Wochen versuchen, Kontakt mit staatlichen philippinischen Stellen aufzunehmen, um ihnen jene Geschichten zu erzählen. Oder aber wir erzählen ihnen die Geschichten und es hinterlässt kaum merkbare Spuren in ihren Gesichtern. Stattdessen neigt so mancher Zuhörer dazu, zu erklären, wie schwierig alles sei und wie machtlos er in seinem Bürostuhl ist. Aus der Geschichte über die Bauern Bondocs wird dann schnell eine Erzählung über das komplexe System in den Philippinen.

Können Menschen Geschichten lauschen, wenn sie selbst erst einmal ihre Geschichte erzählen, sie also selbst erst einmal zu Wort kommen wollen?

Reynato

Albert liest einen Brief von IPON, den Ed und ich ihm überreicht haben. In diesem Brief erklärt IPON, dass wir uns der Kritik, die seitens der KMBP-Bauern geäußert wurde, angenommen haben.

Die Zeilen, die folgen, sind in Tagalog. Nichtsdestotrotz möchte ich sie einbringen, denn sie gehören dazu. Es ist der „Spitze Stift“ über Balig´ang, übersetzt von Edvardo und im Sinn vervollständigt durch seine ganz eigenen poetischen Gedanken. Als Edvardo die Zeilen am nächsten Morgen Albert und seiner Frau vorlas, hatte der KMBP-Bauer Tränen in den Augen. Auf Tagalog vorgelesen klingt der Text wie ein meditatives Lied.

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Nanganganib na Pagkawala ng Payapang Pakiramdam sa Pilipinas

Ang kapayapaan ay hindi madaling matagpuan sa bansang ito. Hindi katulad sa dami ng mga kahoy, ang kapayapaan dito ay isang pangitain lamang na parang ‘di na uusbong. At dito, kung pag-uusapan ang kapayapaan, marahil ay iba na ang kahulugan. Ito’y isa na lamang pakiramdam na madarama sa pamamagitan ng likas na ganda ng kapaligiran. May mga bumibitbit ba ng armas? May ingay bang galing sa pagawaang industriyal? May baho ba ng usok galing sa mga sasakyan? Sa Sitio Balig’ang sa Bondoc Peninsula, natagpuan ko ang payapang pakiramdam na dala ng kalikasan.

Nakatayo ang isang babae sa ilog na tahimik ang agos. Paminsan-minsan, yumuyuko siya upang dumampot ng susó. Nilapitan ko siya sa patuhod na lalim ng ilog. Sa likod ng kanyang binti, nahihiyang tumago ang maliit niyang anak. Ginaya ko ang ginagawa ng babae— inilubog ko sa ilalim ng tubig ang aking kamay at hinukay ang lupa sa ‘di malamang kukunin. Maya-maya lang ay puno na ng susó ang dala niyang lalagyan. Nang binigkas ko ang susó, lahat ng nakapalibot sa amin ay nagsitawanan. Sabi ng kasama naming Pilipino na marunong mag-Englis, mali daw ang aking bigkas. Ang natukoy ko pala ay ang dibdib ng babae— súso! Biglang namula ang aking mukha, at sumabay na rin akong tumawa sa kanila. Pinangako kong tatandaan ko na ang tamang bigkas ng susó. Pagkatapos ng araw ng iyon, napagtanto ko na mas mabuti pala na maghanap na lang ng susó kaysa kainin ito.

Walang linya ng kuryente sa Balig’ang. Ang tubig, kailangan pang isalok galing sa ilog. Dito sa lugar ng mga bahay-kubo, may mga magsasakang matagumpay na nakikipaglaban para sa kanilang mga lupang pilit na inaangkin ng mga mayayaman. Kahit ang mga babae ay may mahalagang papel na ginagampanan. Bukod sa pag-aani at pagtatanim, sila mismo ay harapang ipinagtatangol ang kanilang sariling lupain. Sa katunayan, hindi sila natitinag na ipagpatuloy ang kanilang mga sinimulang adhikain. Dahil dito, mayroong kakaibang kapayapaang nananaig sa Balig’ang. Nakatayo lang na ngumunguya ang mga kalabaw sa ilog. Ang mga manok sa kusina, hinahabol papalayo ng mga aso. Labas-pasok ang mga bata sa pagitan ng mga binti ng kanilang mga magulang. Ang mga sako-sakong bunga ng niyog, mabibigat na pinapasan lang pataas sa mga burol. Sa isang tingin, parang walang makakasira sa ganitong payapang pakiramdam na dala ng tanawin.

Bilang isang tagasubaybay ng sitwasyon sa karapatang pantao, lumalakas ang aking loob na makita ang mga taga-Bondoc Peninsula na magsanib-sanib para isulong ang kanilang karapatan. Pero hangang kailan mananatiling ganito ang sitwasyon dito? Tinanong ko ang aking kaibigan: Talaga bang walang nakatago sa likod ng mga punong-niyog na sisira sa kapayapaan ng lugar na ito?

Napaghihinaan ng loob ang mga taga-Balig’ang kapag naiisip nila kung ano ang kahahantungan ng kapayapaan sa hinaharap. Sa darating na Hunyo, kapag hindi maipasa ang pagpapanatili sa CARP, darating kaya sila? Sino sila? Oo, ang mga mayayaman. Kukunin at aangkinin nila ang mga lupa kapag wala na ang CARP. Sa anong paraan nila maaaring maagaw ang mga lupain? Pananakot. Pagpapahiya at pagpapahirap sa pamamagitan ng pagsampa ng kung ano-anong kaso laban sa mga magsasaka. Ngunit patuloy pa rin na lalaban ang mga naaapi para makamit ang inaasam na hustisya.

Sa gitna ng taon, babalik ulit ako sa Balig’ang. Kung mayroon pang matirang oras pagkatapos ng mga pagpupulong, aakyatin ko ulit ang mga burol gamit ang daang may lilim ng mga punong-niyog. Ilulubog ko ulit sa ilog ang aking mga kamay at huhukayin ang lupa para sa mga nagtatagong susó.

Schlafender Hund

Ein schlafender Hund auf dem hölzernen Tisch. Während Ed übersetzte und ich Tagebuch schrieb, gesellte sich der Hund zu uns und hielt seinen Schlaf.

baligang1

Das Huhn in der Küche. Ganz so engagiert wie bei meinem letzten Besuch, war der Hund dieses Mal nicht beim Verjagen des Huhns aus dem Kochgeschirr.

Edvardo und ich verbringen eine Nacht in Balig´ang. Umringt von Hunden, bekocht mit – na klar – suso, denen ich mich erneut verweigere, und mit einem Gespräch zu dritt bis in die Nacht hinein, genieße ich meinen Abschied von Balig´ang.

„Tagay-tagay?“, fragt uns Albert nach dem Abendessen und schaut uns mit großen Augen und einem Grinsen an. Noch bevor wir antworten können, stellt seine Frau die Matadorflasche auf den Tisch. Ringsherum ist alles still, bis auf den Generator, der vor sich hin brummt und mit dem Brummen den Film für die Kinder abspielt. Von wegen Sandmann kurz vor sieben, hier heißt es Actionfilm bis kurz nach zehn.

Moderne Zeiten. Bewaffneter Kampf. Gewaltfreiheit. Das Danach. Die Kinder.

„Soll ich wirklich fragen?“, versichert sich Edvardo bei mir. Ich überlege kurz. Es ist nichts dabei, diese Frage zu stellen, denke ich. „Meinst du, ich sollte die Frage nicht stellen?“, wende ich mich an Ed und sichere mich ob des kulturellen Hintergrunds ab. „Doch, doch, du kannst sie stellen, aber sie ist schwer. Selbst ich müsste erst einmal überlegen.“, lacht er und wendet sich auch schon an Albert, der unserem Englisch gespannt gelauscht hat. Ed übersetzt ihm die Frage. Albert lacht. „Mahirap!“, sagt er (mahirap meint schwierig) und schaut nachdenklich auf den Boden. Nach einer kurzen Weile beginnt er, zu erzählen. Er erzählt und lacht dabei und schaut wieder nachdenklich zu Boden.

Für Albert sind moderne Zeiten verbunden mit Fernsehen und Schnellrestaurantketten. Er hat nie das Bedürnis in seinem Leben gehabt, in die Stadt zu siedeln. Dafür sei er zu stark mit diesem Boden verwurzelt. Seine Söhne, der älteste ist gerade 14 Jahre, reden öfter davon, dass sie gern einmal in der Stadt wohnen möchten. Die nächstgrößere Stadt, Lucena, ist ca. sechs Stunden von Balig´ang entfernt. Gehen die Söhne, ist niemand mehr da, um das Land zu bewirtschaften. Als Vater sei das oft schwer, zu begreifen, aber Albert arbeitet, um den Kindern zu ermöglichen, was immer sie wollen. Wenn sie in die Stadt gehen wollen, werde er sie nicht aufhalten.

Tagebuch Tagebuch mit Dalugdog

Albert ist, wie auch Ka Arsing, bereit für einen bewaffneten Kampf. „Menschen kämpfen hier seit Generationen für ihre Rechte und erleiden so viel Gewalt.“, sagt Albert. Diese Gewalt äußert sich in den Philippinen durch Waffengewalt, Ignoranz, Einschüchterungen, unfaire

mmmmmmmmmmm

Gesetzesformulierungen, aber auch durch das Drängen der Bauern in eine Rolle der Stimmlosen. Wenn sie also über so lange Zeit diese schwelende Gewalt erduldet haben und dadurch eines gewissen Todes gestorben sind, dann können sie auch im bewaffneten Kampf um ihre Rechte fallen. So und so ähnlich drückt sich Albert uns gegenüber aus. „Und so oder so sind die Bauern Bondocs Gewalt ausgesetzt.“, ergänzt Albert und fügt ein flüchtiges Lächeln bei.

Albert bestätigt mir an diesem Abend, dass das Gefühl von Frustration und Ärgernis bei den Bauern größer ist als die Angst und die Sorge um den bewaffneten Kampf und das Danach.

„Was wird danach passieren? Wenn die Bauern und die Kinder einmal die Macht der Waffe begriffen haben, werden sie dann in die Berge auf die Ländereien zurückkehren? „, frage ich. „Ich bin besorgt um das Danach. Waffen können so mächtig sein. Wie denkt ihr darüber?“

Ed nickt, flüstert mir schnell ein „schwierig“ zu und übersetzt wieder für Albert. Der KMBP-Bauer hofft, dass die meisten in den Bauernalltag zurückkehren würden. Das Blut der Bauern ist in ihnen allen. Er hofft, dass es stärker ist als der Glaube an eine Waffe nach dem Kampf. „Wir müssen vereint sein.“, äußert sich Albert besorgt und spielt auf die Uneinigkeit unter den philippinischen Organisationen an, die auch IPON schon beobachtet hat.

„Sie brauchen einen guten Anführer, wenn es eine Revolution geben sollte.“, erklärt Ed und fügt vorsichtig hinzu: „Soll ich ihn fragen, ob die Bauern schon jemanden haben, der sie anführen kann?“ „Ich weiß nicht.“, äußere ich nachdenklich, „Das ist mir unangenehm.“ „Mir auch. Dann lassen wir´s, ja?“, sagt Ed erleichtert. Im Nachhinein bereuen Ed und ich, dass wir Albert nicht nach dem potentiellen Anführer gefragt haben.

Uneinigkeit innerhalb der Organisationen, die eigentlich die gleichen Ziele haben, gibt es hier wie Thunfischdosen im Supermarkt. Wer schützt die Mitglieder der Organisationen davor, die Waffen gegen sich selbst anzulegen? Wenn der gemeinsame Feind erst einmal bekämpft ist, erinnert sich so manch einer an vergangene Streitigkeiten. Und dann sieht er an sich herab, sieht die Waffe in der Hand und den alten Freund vor sich –

das Danach. Albert nickt.

Balig´ang Palme und Hütte

Das Übersetzen fällt Ed an manchen Stellen schwer, weil die Unterhaltung für ihn selbst emotional ist. „Danke, dass ich mit hier sein kann.“, wirft Ed in das Gespräch ein. Ich bedanke mich daraufhin bei ihm und Albert für den Moment, den wir teilen. Albert gibt zu, dass ihm Unterhaltungen dieser Art oft fehlen. Zwar könne er mit der lokalen KMBP-Gruppe offen diskutieren und sie würden innerhalb der Treffen auch die Themen Kinder und Zukunft besprechen. Unterhaltungen wie diese seien es aber, die ihm neue Denkanstöße geben könnten und mit deren Hilfe er seine Welt durchdenken könne. „Über viele Themen unserer Unterhaltung hat Albert noch nie so bewusst nachgedacht.“, sagt Ed und freut sich.

„Oh, er will noch etwas sagen.“, horcht Edvardo auf und blickt in Alberts Richtung. Ich lausche seinem Tagalog und der anschließenden Übersetzung durch Ed: „Das Land braucht sie, die Bauern. Jede Gesellschaft braucht jemanden, der das Land bestellt, um die Nahrung sicher zu stellen.“ Albert stellt mir die Flasche hin, in der der letzte Schluck Alkohol in kreisförmigen Bewegungen gegen die glasige Wand schwappt. „Tagay mo.“, lacht er und stützt sich auf dem Tisch ab. Seine Frau, die sich die ganze Zeit über im Verborgenen gehalten hat, kommt aus der Bambushütte und holt ihren Mann zu sich.

„Albert ist der erste Bauer Bondocs, den ich im Trinken geschlagen habe.“, lache ich und zeige stolz auf die leere Flasche. „Aber hast du seine Runden gesehen? Seine Gläser waren immer recht voll, während wir nur einen kleinen Schluck im Glas hatten.“, entgegnet Ed und besänftigt meine Freude. „Albert zu Dank sind wir jetzt noch fit.“, sagt Ed mit einem sichtlich schlechten Gewissen.

Der Geschichtensammelkorb ist unsagbar schwer an diesem Abend. Wenn der Korb nicht mehr zu tragen ist, so ist es an der Zeit, um zu Bett zu gehen.

* Name geändert

abschiedsfoto baligang

Abschiedsfoto: Alberts Frau, Sue, Albert und Alberts ältester Sohn vor der Familienhütte in Balig´ang.

Ein Huhn rennt lautlos an uns vorbei. Ich schleiche mich in Kuya Boys Haus. Es steht im Rohbau, überall riecht es nach Beton. Das hereinscheinende Sonnenlicht wird an den von mir aufgewirbelten Staubkörnern reflektiert. Ohne Reue ihrerseits und ohne Widerstand meinerseits scheucht mich die trockene Luft zurück nach draußen, wo das Huhn, das eben noch rannte, bereits in der Küche zubereitet wird.

Lange verweilen wir nicht an diesem Ort, an dem gerade auf der am Haus vorbeiführenden Straße Bananen auf einen Jeepney geladen werden. Von hier aus wird die Ware später nach Metro Manila gebracht, wo sie auf dem Markt verkauft werden soll. Boys Haus steht am Rand der Stadt San Andres. Ein Tricycle, gefahren von unserem Bekannten ‚Binladen‘, bringt uns früh am Morgen von Ka Arsings Bambushütten auf Sand zu Kuya Boys Haus aus Beton. Aus den Blicken verschwunden ist das Meer, das am Morgen noch so strahlend glitzerte. Unsere Faszination gilt dieserorts den auf Pferden reitenden Bauern und den besattelten Carabaos, die ein reges Treiben auf der Straße verursachen.

Kuya Boy und seine Frau empfangen uns freundlich. Es gibt gekochte Bananen und ausreichend Zeit zum Unterhalten, denn wir warten auf Tatay Garlo. Tatay wird informell für Vater benutzt. Im Gegensatz zu Kuya setze ich Tatay meist vor Personennamen von Bauern, die im Alter meiner Großmutter sind. Kuya steht in den Philippinen für eine respektvolle Anrede eines älteren Bruders. Obwohl wir in unseren Stammbäumen keinerlei verwandtschaftliche Verhältnisse mit Kuya Boy oder Tatay Garlo ausmachen können, hat es sich unter IPON-Mitgliedern eingebürgert, manche Bauern mit eben jenen Formen der Höflichkeit anzusprechen.

interview boy olaso

Edvardo, Kuya Boy und Sven kurz nach dem Interview. Die Bauern schaffen es immer wieder, in einem Moment eine traurige Stimmung in mir auszulösen, während in anderen Momenten das Grinsen nicht weichen will.

interview olaso

Nachdenkliche, fragende Blicke während des Gesprächs. Links Boy Olaso, rechts Ina. Edvardo übersetzt uns Kuya Boys Tagalog ins Englische und ihm unser Englisch ins Tagalog.

Tatay Garlo, ein weiterer Bauer der KMBP, lässt auf sich warten. Die Zeit reicht, um ein kurzes Interview mit Kuya Boy über die nahe gelegene Gemeinde Banaba, zu führen.

Nach einem Treffen mit Angestellten des Agrarreformministeriums (DAR) in 2008, auf dem das Land einiger Bauern in der Gemeinde Banaba in den Bergen klassifiziert werden sollte, stellte sich heraus, dass der Landbesitzer ein anderer ist, als eigentlich angenommen wurde. Der Landtitel blieb zwar mit dieser Feststellung in den Händen der selben Familie, der Familie Tan, jedoch änderte sich für die Bauern nach der Landklassifizierung so einiges. Die Bauern hatten nach dem Wechsel des Landbesitzers keine Erlaubnis mehr, zu ernten. Zudem verlangt der neue Landbesitzer Tan jetzt eine Entschädigung von 60 000 PhP (entspricht ca. 900 Euro) von jeder Familie, weil die Kleinbauern auf seinem Land über all die Zeit Kokosnüsse geerntet hatten. Sein Bruder, dem das Land in seligem Wissen um die Landsituation zuvor gehört hatte, hatte nichts gegen eine Ernte der Bauern einzuwenden gehabt. Scheinbar nicht. Und zumindest scheinbar glaubten auch die Angestellten des DAR die Landfrage geklärt.

Scheinbar, so trübt es sich im Auge eines Betrachtenden, liegt hierin wieder ein Beispiel für die Situation der philippinischen Kleinbauern, die über Generationen hinweg Landarbeiter waren und die jetzt für eigenes Land kämpfen. Die beteiligten Gruppen wiegen sich in einem Wissen, das auf keinem Papier geschrieben steht. Und plötzlich verlangen alle nach offiziellen Dokumenten, die beweisen sollen. Dokumente zu beschaffen, funktioniert hier in den Philippinen eigentlich ganz einfach: 1) Glatt gestrichenen Geldschein auf den Schreibtisch des DAR-Mitarbeitenden legen, muss auch gar nicht in einem Briefumschlag unter dem Tisch überreicht werden. Fürs zur Schule gehende Dutzend, Schulhefte kaufen und so. 2) Metro Manila, Bahnstation, rechts abbiegen, Straße runter bis zur nächsten Ecke. Anstellen, warten, Wunsch äußern, entsprechend der Qualität und Quantität bezahlen und mit funkelnden Augen zurück nach Hause fahren.

So werden ungeklärte Fragen mit einem offiziellen Dokument beantwortet. Und Landarbeiter werden zu Landlosen, Bauern werden zu bloßen Namen in Schriftstücken.

aris und die waage

Aris auf der Coprawaage. - Naja, Schuld ist wohl der Alkohol, Aris, nicht? Während wir auf Tatay Garlo warten, fallen uns allerhand Beschäftigungen ein. So ein Bauernhaus ist mancherorts wie ein lebensgroßer Spielplatz.

Die Zeit des Wartens auf Tatay Garlo reicht für Edvardo und mich auch, um ein paar Zeilen des Spitzen Stifts über die Ortschaft Balig´ang, der im Mai 2009 in der Zeitung erschienen ist (zu finden auf diesem Webblog), in die englische Sprache zu übersetzen. Es ist ein theatralisches Unterfangen. Der Artikel ist in der deutschen Sprache geschrieben. Ich versuche, die Sätze ins Englische zu übersetzen, aber mein Englisch stößt an viele Grenzen. Um die Bedeutung meiner Aussagen an Ed zu vermitteln, konfrontiere ich ihn an manchen Stellen statt mit Worten eben mit Bewegungen. Plötzlich stehen vor ihm, leider ohne Verkleidung, aber mit vielen Geräuschen und sonstigen Nachahmungen: Ein kauender Wasserbüffel, eine im Wasser watende Frau, Hühner, die durch das Geschirr fliegen und ein Bauer, der einen Sack voll Copra den Berg hinauf schleppt.

„Warte nur, bis du Balig´ang kennen lernst.“, sage ich zu Ed, während ich wie eine gebückte alte Frau vor ihm auf und ab spaziere. „Und du die Frauen kennen lernst, die nachts Kokosnüsse geerntet haben, um es vor den bewaffneten Männern zu verbergen.“ Ich reibe mir den Rücken und springe auf die Rasenfläche, auf der ich mich neben Ed zu Boden plumpsen lasse.

Aris ruft aus der Ferne. Tatay Garlo ist angekommen.

interview tatay garlo

Im Gespräch mit Tatay Garlo. Im Hintergrund das Haus von Kuya Boy. Die Betonwand ist zu sehen, der trockene Staub nur zu erahnen.

Tatay Garlo. – Ich erinnere mich an meinen ersten Tanz mit einem philippinischen Kleinbauern. Das war im Januar, in der Gemeinde Paitan, auf dem Abschiedsfest von Patricks Team und der Willkommensfeier für David, Jan und mich. Anfängliche Skepsis und Schüchternheit wichen einem wilden Tanzgelage. Bauer Bobier, im gleichen Alter wie Tatay, bat um meine Hand, sie zu schwingen durch die ganze Bambushütte. Das aber hieß der Tatay Garlo gar nicht gut. Tatay stampfte empört auf den Bobier zu, blickte ihm böse und mir aufgeweckt lieb ins Gesicht und griff meine Hand, die eben noch in derer Bobiers ruhte und mit ihm herumwirbelte. Dann wirbelte meine Hand mit Tatay Garlo durch die Bambushütte. Der Bobier aber, der ward es nicht zufrieden und riss mich dem Tatay aus der Umarmung. Ich stand da, wusste nicht ein noch aus, setzte mich stattdessen auf einen Stuhl und geduldete mich, bis der Kampf schließlich vorbei war. Zu kämpfen wissen die Bauern Bondocs, die sich seit Jahren mit dem Großgrundbesitzer um Land streiten. Bobier kam lächelnd auf mich zu und streckte mir seine Hand entgegen, die ich nicht entgegen nahm. Die beiden älteren Männer sahen sich den restlichen Abend nicht mehr in die Augen.

Tatay Garlo also, ja. Nicht ganz so weit zurück wie mein erster Tanz liegt für Tatay Garlo die Geschichte mit dem Vieh. Das Vieh wurde und wird vom Großgrundbesitzer über das Land getrieben. Das war verstärkt 2008 und kurz vor einer Landklassifizierung. Landklassifizierungen, so mag es ankommen und so ist es auch, bringen für die Bauern meist statt Entscheidungen nur noch mehr Probleme und ungeklärte Fragen mit sich.

interview tatay

Aris, Übersetzer im Gespräch mit Tatay Garlo, und Ina. Es ist nicht leicht, Tatay in seinen Gedanken zu folgen. Es passiert oft, dass die Bauern uns gegenüber all ihre Geschichten ohne Zusammenhänge präsentieren. Nachfragen braucht dann Geduld, viel Geduld.

zwei uebersetzer

Zu unserer zusätzlichen Verwirrung erzählt Tatay Garlo alle Geschichten zweimal, einmal an Aris, der dann für uns übersetzt, und während der Übersetzung an Ed. Resultat: Es gibt mittlerweile vom berüchtigten Warnschuss (im Webblog wurde berichtet) und den Geschehnissen danach drei unterschiedliche Varianten.

So wie in Tatay Garlos Fall werden vielerorts in Bondoc Kühe der Landbesitzer über die Ländereien getrieben, um die Ergebnisse der Landklassifizierung zu beeinflussen. Wird von DAR-Angestellten festgestellt, dass soundsoviele Kühe auf dem Land sind – Beobachtungen erfolgen lediglich an einem ausgewählten, zuvor bekannt gegebenen Tag – so fällt das Land nicht unter die Landreform und kann demzufolge nicht an Bauern verteilt werden. Es bleibt als Viehweide in den Händen der Großgrundbesitzer.

Neben diesen Schwierigkeiten sieht sich Tatay Garlo dem schwindenden Nachwuchs der örtlichen KMBP-Gruppe ausgesetzt. Die jungen Leute, so erzählt uns Tatay, seien verängstigt, der KMBP beizutreten. Der Landbesitzer und dessen Landadministrator würden zu den Jungen immer sagen, sie sollen Tatay nicht vertrauen und sich ihm nicht anschließen. Die Bauern der örtlichen KMBP seien nicht vereint, sagt Tatay Garlo besorgt, während in den Bergen ringsherum das Zusammenarbeiten innerhalb der Gruppe besser funktionieren würde.

Nicht nur die KMBP kann scheinbar in den Bergen besser zusammenarbeiten. Die Berge sind auch nach wie vor, so wird uns während unseres Aufenthaltes in den Beobachtungsgebieten immer wieder bestätigt, Versteck der bewaffneten Untergrundgruppe NPA.

muede

Links die Frau von Kuya Boy. Rechts Sven. Was steht in seinem Gesicht geschrieben? Zehrt die Hitze? Zehren die Gespräche? Sind es Fragen? Sind es Sorgen? Sven, Ina und ich wissen meist, was uns bedrückt. Der Balkon an unserem Haus war schon oft Kummerkasten oder Ort für ehrlichen Austausch im Team.

Das Huhn, das einst rannte, sucht sich nach allen Gesprächen mit den Bauern während des Mittagessens ein Versteck in unseren Bäuchen. Dort trage ich es seither mit mir herum, zeige ihm den Strand von Catanauan, die Palmen von Mulanay, die Videoken dieses Landes, die Blubberblasen in meinem Wäschebottich, schöne Menschen im Dunkel der Nacht – und seit ein paar Tagen kennt es sogar alitaptap, fliegende, leuchtende Käfer und das Rauschen eines Wasserfalls in einem Versteck, das mich nicht versteckte.

Das Gefühl warmen Sands unter den Füßen ist noch da. Die Spuren Nilantangans sind überall zu sehen, in der Kleidung, am Rucksack, an den Händen. Eine kurze Zeit zum Durchatmen und Verweilen im Zuhause in Mulanay lässt Zeit zum Austauschen mit Kollege Sven, der allerhand im Büro zu tun hatte, während Ina, Nele und ich bei den Bauern waren. In der Zwischenzeit ist auch Freund und Übersetzer Edvardo aus Bicol in Mulanay angekommen. Er wird uns neben Aris bei der Verständigung mit den Bauern unterstützen, wenn wir am nächsten Tag erneut zu ihnen aufbrechen werden.

regenzeit in mulanay

Es regnet. Der Blick von unserem Balkon aus schweift über das Dach des Nachbarhauses, von dem das frische Wasser herabfließt.

Der Abend jenes Tages wird lang. Zusammen mit unseren Übersetzern Aris und Edvardo planen wir unseren erneut anstehenden Aufenthalt in den Beobachtungsgebieten Bondocs. Die Erlebnisse und Dokumentationen aus Nilantangan und weitere strategische Vorgehen werden verschriftlicht und diskutiert. Ein interner Tätigkeitsbericht IPONs, der all jene Erlebnisse erläutert, von denen wir seit Juli 2008 zehren, muss noch ein letztes Mal überarbeitet werden, um dann an das Übersetzungsbüro in Manila zu gehen. Sachen gepackt? Tausendpesoscheine gewechselt? In den abgelegenen Gebieten der Bauern lässt sich schwer mit 1000 Peso bezahlen. Der Geldschein entspricht ca. 15 Euro.

„Können manche Tage nicht 40 Stunden haben?“, seufzt Sven und kommt die Treppe herunter gerannt. „Bitte nicht.“, antworte ich beiläufig und zwinge die Unterlagen, in meine Tasche zu rutschen. Mit großen Schritten renne ich die Treppe hoch, suche, wühle, renne die Treppe wieder hinunter, suche und wühle.  Ina stellt fest, dass ich gestresst bin. Vor einem Aufenthalt in den Beobachtungsgebieten ist immer eine Menge zu erledigen, um gut vorbereitet auf die Bauern zu treffen.

Am Morgen des 24. Juli brechen wir zu fünft auf. Ina, Sven, Edvardo, Aris und ich – gespannt auf das, was kommen wird. Ein wenig wehmütig bin ich zu jenem Zeitpunkt schon. In den bevorstehenden Wiedersehen stecken viele Abschiede – sei es von Orten oder von Menschen, die mich fast neun Monate begleitet haben – und viele Sorgen um den Bestand des IPON-Projekts in Bondoc und um die Situation der Bauern. Ina und Sven helfen mir, Vertrauen aufzubauen, dass die neuen Freiwilligen unsere Arbeit hier in Bondoc weiterführen werden. Die Sorge um die Situation der Bauern und die Konfrontation mit tiefsinnigen Fragen über das Leben in den Philippinen sollen Edvardo und mich während des Aufenthaltes in den Beobachtungsgebieten nicht loslassen.

Bus

Der Bus nach San Andres Stadt, in den wir nach zweistündiger Wartezeit steigen. Im Hintergrund ein für Mulanay nicht untypisches Bild: Karten spielende Menschen, im Kreis um einen Tisch herum sitzend. Des öfteren liegt neben den Karten, etwas verborgener, auch ein Häufchen Münzen.

Zwei Stunden warten wir auf den Bus. Ich beobachte das Treiben um uns herum, bin erst wachsam, dann in Gedanken versunken. (…Aber selbst wenn du Nichts bist, bist du noch. Du bist mindestens Masse, die zu Erde wird. Also wirst du. Und was werden kann, das kann nicht Nichts sein, denn Werden ist ein Merkmal von…) Der Bus bringt uns, trotz rostiger Laube, nach San Andres Stadt. Dort kaufen wir linierte Röllchen, lesen Nachrichten im Baum und fahren mit „Binladen“ auf einem Weihnachtsbaum zum Haus des Präsidenten der KMBP.

san andres town

Edvardo, Sue und Aris. Wir kaufen an meinem Lieblingsmarktstand Bondocs ein. Edvardo entdeckt frischen Tabak. "Wollen wir?", fragt er mich. Ich nicke und beobachte die Frauen beim Eindrehen des Tabaks in - liniertes Schreibpapier!

Tabak

Die zwei Frauen beim Eindrehen des Tabaks. Sie missverstehen uns und drehen 20 (!) Zigaretten. Aris und Ed probieren am Abend, was am Nachmittag in mühseliger Feinarbeit präpariert wurde. Sie spucken und empfehlen mir, mich für Verzicht zu entscheiden. So bleiben die linierten Röllchen ein ewiges Geheimnis für mich.

einkaufen mit ed

News im Baum

Zu kaufen gibt es Zeitungen nie oder gar höchst selten in den Dörfern und Klein(st)städten Bondocs. Dafür hängt in San Andres ein Nachrichtenblatt in einem Baum am Marktplatz. So werden Neuigkeiten ein Bestandteil des öffentlichen Lebens.

unser fahrer

Unser Fahrer mit seinem Gefährt. (Ein Freund aus Bicol nannte ein Tricycle einen "geschmückten Weihnachtsbaum", weil ganz viele Menschen darin und darauf Platz finden können.) Den ganzen Tag über wartet er auf Fahrgäste, dreht an wackeligen Schrauben seines Tricycles, lenkt die Räder durch feinen Staub und nimmt am bunten Leben in San Andres teil.

unser fahrer und kmbp bauer

Unser Fahrer, Mitglied der KMBP, wird von Vertrauten scherzhaft 'Binladen' genannt. "Guckt seinen Bart an.", sagt Aris zu uns und zeigt zu 'Binladen' herüber. Wir kennen 'Binladen' bereits von Gerichtsverhandlungen, die wir besucht haben. Er wird, wie viele andere Bauern aus San Andres, des Kokosnussdiebstahls beschuldigt.

unser gefaehrt in die area

Wir halten vor dem Haus des Bürgermeisters von San Andres Stadt an. Während Sven und Aris ein Treffen mit zwei KMBP-Mitgliedern innerhalb der nächsten Tage arrangieren, klettert Ina aus dem Beiwagen des Tricycles. Hier finden wir während der Fahrt zu dritt Platz.

schieben

Ein Berg, bergauf, es fährt nicht mehr - Sven, Aris und Edvardo schieben unser Gefährt den Berg hinauf. Der Motor hatte zuvor aufgegeben.

Einen holprigen Weg später erreichen wir das auf Sand gebaute Haus des KMBP-Präsidenten Ka Arsing. Er ist nicht da. Die Erntezeit zwingt den Bauern und einen Teil seiner Familie, die Tage und Nächte auf der Farm in den Bergen zu verbringen. Ein Sohn Ka Arsings fährt mit dem Motorrad los, um die Nachricht unserer Ankunft zu verkünden. Ein paar Stunden, viele Gespräche und ein Bad im Ozean später, es ist bereits dunkel, erreicht Ka Arsing, zusammen mit seiner Frau, das Haus der Familie. Wir vereinbaren ein Interview für den nächsten Morgen, zu dem auch weitere betroffene Bauern kommen werden.

zaun ka arsing

Der Zugang zu Ka Arsings Haus, von der Straße aus, die nach San Andres Stadt führt. Hier fahren keine Jeeps oder Autos. Die einzigen Fortbewegungsmittel auf dieser Straße sind Tricycle, Motor- und Fahrräder sowie Karabaos.

ka arsings haus 2

Eine kleine Hütte, gebaut auf Sand, bietet Schutz vor der sengenden Hitze. Unter ihrer Obhut führen wir das Interview mit den Bauern.

ka arsings haus

Die Wohnhütten der Familie Ka Arsings. Wir haben selten in einem solch komfortablen Haus genächtigt.

interviewvorbereitung

Aris, Ina und Sven während der Vorbereitungen für das Interview mit den Bauern aus der Gemeinde in San Andres.

Die Bauern um Ka Arsing, die in dem Gebiet um San Andres Stadt ihre Ländereien bewirtschaften, leben seit 1998 unter der Bürde der ungeklärten Landfrage. Seit über zehn Jahren werden sie von Großgrundbesitzer und Agrarreformministerium in Verwirrung gesetzt und daran gehindert, unbeschwert die Ernte der Kokospalmen einzubringen. 18 Bauernfamilien sind in den Streit involviert. 8 dieser Familien müssen nun ihre Ländereien verlassen. So sagt es ein richterlicher Beschluss aus dem Jahr 2004. Aus Protest blieben die Bauern, wo sie immer schon waren, und bleiben auch heute noch dort. Sie bestellen das Land und ernten. Nach wie vor stellen sie aus den Kokosnüssen Copra her, mit der sie ein Einkommen erwirtschaften können. Anfang Juli, nicht allzu lange her, sehen sie sich mit einer Auseinandersetzung mit den Verwaltern des Landes (Angestellte des Großgrundbesitzers) konfrontiert. Um der Situation einen friedlichen Verlauf zu geben, unterstützt der Gemeindepolizist die aufeinander treffenden Interessengruppen. Bis jetzt blieb es bei Anzeigen seitens des Großgrundbesitzers und verbalen Streitereien.

im gespraech

Auf dem Tisch verteilt liegen Unterlagen, die Licht ins Dunkel der IPON-Dokumentationen bringen sollen. Anzeigen, Gerichtsbeschlüsse, Erklärungen - die Worte stehen in einer uns verständlichen Sprache geschrieben, aber die Landfrage bleibt für die Bauern weiterhin ungeklärt.

praesident waehrend interview

Ein nachdenklicher KMBP-Präsident während des Gesprächs: Ka Arsing.

Ka Arsing zeigt sich während des Interviews besorgt um die Situation der Bauern aus seiner Gruppe. (Einige Wochen später, auf dem monatlichen KMBP-Treffen in Mulanay, lässt sich Ka Arsing die Telefonnummer unseres Übersetzers und Freundes Dondi geben, um ihn im Notfall anrufen zu können.)

Das Gespräch mit Ka Arsing und den Bauern ist für uns alle aufklärend. Wir beginnen mehr und mehr, zu verstehen, zu sortieren. Nach dem Interview…

geschafft

Sei meinem schweren Kopf eine Stütze, lieber Aris.

laecheln nach dem interview

Sue, Ina und Sven.

im neuen shirt

Wir gehören zusammen, nicht?

Ka Arsing und seine Frau laden uns auf ihre Farm ein. Sie bringen Töpfe und klirrendes Geschirr. Der Weg führt uns auf der staubig trockenen Straße entlang, an Kokospalmen vorbei, in die Berge. Unterwegs werden Ina und ich fasziniert von grasenden Karabaos, von den Palmen geangelten jungen Kokosnüssen, grunzenden Ferkeln und Reisbauern.

„San!“, ruft Ka Arsings Frau aus der Ferne, während ich an meiner Kamera herumstelle und mit blinzelnden Augen nach einem passenden Motiv suche. „San!“, erschallt es erneut. „Opo! Jawohl.“, schreie ich zurück, knipse auf den Auslöser und renne zu der wartenden Frau. Sie lassen einen aber auch nicht allein zurück, denke  ich. Die Begeisterung über die Landschaft weicht nicht aus meinen Gesichtszügen.

erntezeit

Frische Buko. Nein, die jungen Kokosnüsse sind nicht alle von dieser einen Palme herab gefallen. Es handelt sich lediglich um eine Sammelstelle.

auf dem land

schwein

zu ka arsings farm

matschig zu ka arsing

Der Weg ist teilweise etwas matschig. Die Bauern schaffen es tatsächlich, durch den dicksten Matsch ohne sichtbare Spuren an Kleidung und Schuhen zu laufen. Wenn ich mich also nur an die Fährten von Ka Arsing und seiner Frau hänge, dann könnt ´s gehen.

bauern im reisfeld

Reisbauern in einem Reisfeld. Den ganzen Tag stehen sie zwischen den Gräsern in einer flachen Wasserschicht, bücken sich und bewirtschaften das Land.

idylle

Wir passieren eine Hütte in den Bergen. Der Wachhund ist noch klein. Bellt ein Hund nicht, der als Wächter der Bauernfamilie eingestellt ist, dann wird er bei der nächsten Zelebrierung (eines Geburtstages etc.) als Speise dargeboten. Dieser kleine Hund bellt, begrüßt uns aber sehr herzlich und lässt sich das Fell kraulen. Von einer Frau, die interessiert aus der Hütte kommt, bekommen wir Wildgemüse geschenkt. Ka Arsings Frau möchte die grünen Blätter auf der Farm für unser Essen zubereiten.

Wir erreichen den Ort, an dem Ka Arsing und seine Familie seit über einem Monat Kokosnüsse von den Palmen ernten und daraus anschließend Copra herstellen. „Es riecht nach Bondoc.“, freue ich mich, als wir auf der Farm ankommen und Rauch aus einer Tonne emporquillt. (Auch wenn sich mein umweltwissenschaftliches Herz beim Anblick des Qualms gleich verzieht…) Dennoch, der Duft der räuchernden Kokosnussschalen verbindet Sinneswahrnehmung mit meinen Erinnerungen an Momente in den Beobachtungsgebieten. Edvardo und ich drehen eine Runde durch die Kokospalmplantage. Vorbei an der qualmenden Tonne mit Copra spazieren wir zum Fluss. Vier Carabaos blicken uns aus dem Wasser heraus an, kauend, laut aus der Nase ausatmend, ansonsten nahezu regungslos.

carabaos im wasser

carabao

Ein kurzer, sich bergauf windender Pfad führt uns zu einem Bauern, der mit einem Bolo hochgewachsene Pflanzen abschlägt. In einem raschen Tempo kämpft er sich durch das grüne Gezweig und steht bald auf einem kahlen Stück Erde. Ich schaue Ed mit großen Augen an. „Kannst du mir übersetzen, dass ich auch helfen mag?“, frage ich Ed. Er überlegt. „Bitte! Ich muss mal meine Arme bewegen. Im Büro ist das immer so schwierig.“ Wir lachen und Ed geht verlegen zu dem Bauern herüber. Ich folge seinen Fersen und übernehme das Anlächeln des jungen Bauern, während Ed qualifiziert seinen Übersetzerjob erledigt.

Resultat: Ich stehe mit einem Bolo in den Gräsern und schlage gezielt um mich. Der Bauer ist in einigen Metern Entfernung auf der Hut, was mit seinem Bolo und den Pflanzen geschieht. Ed betrachtet aus nächster Nähe, wie die Pflanzen nach einem wuchtigen Schlag umfallen, und gibt mir Ratschläge zum Bewegungsablauf des Sensens mit dem Bolo. Nach etlichen Schlägen und einer sortierten pflanzlichen Verwüstung ruft der Bauer herüber, dass ich an sich nur die alten Maispflanzen schlagen muss. „Na toll!“, brumme ich zu Ed, „Das sagt er mir jetzt, wo ich schon seit Minuten alles schlage, was hier herumsteht.“ „Das muss eh irgendwann weg.“, beschwichtigt Ed, „Dann ist es gut, dass du das gleich mit erledigt hast.“

Ich sehe an mir herab und betrachte meine Beine und meine Hände: Lauter kleine, feinste Stacheln, die überall in der Haut stecken. (Bis heute habe ich lauter rote Punkte an den Beinen, die jeden Abend jucken. Die Bauern sagen, das kommt von den Maispflanzen.)

copradampf

Ka Arsings Farm in den Bergen. Im Hintergrund der Rauch, der beim Räuchern der Kokosnussschalen entsteht.

bukoernte

Bukoernte. "Wollt ihr Buko trinken?", werden wir gefragt. "Mhm.", antworten wir verschmitzt. "Sie hätten sich die Frage auch sparen können.", kichern wir und freuen uns auf das Getränk.

ernte

Ein Sohn Ka Arsings (Ka Arsing hat 14 Kinder.) spickt Kokosnüsse auf, um sie auf einen Haufen zu befördern.

gefaehrt

maisernte

Ka Arsings Frau (rechts) beim Maiskolbenputzen auf der Farm in den Bergen.

zerschlagen der buko

Die Bukos werden für uns aufgeschlagen, damit wir aus dem Loch die Flüssigkeit schlürfen können.

Mit den kleinen Stacheln am Körper gehe ich zusammen mit Edvardo zu den anderen zurück. Ka Arsing und seine Familie, Freunde der Familie, Aris, Ina und Sven sitzen beieinander. Das Essen ist bereits aufgetischt worden. Grüne Blätter schwimmen neben Maiskörnern und Fisch in den Essschalen. Dazu gibt es Reis. Lecker! Ich schlinge das Gemüse mit dem Reis herunter und mit ihm die Besorgnis um das Bestehen des IPON-Projektes. In der scheinbaren Idylle vergehen Gedanken an bewaffnete Untergrundkämpfer, an korrupte Angestellte in staatlichen Ministerien, an Kinder, die ihre Eltern und die Farm verlassen, um ein Leben in der Stadt zu beginnen, an Denguefieber und die vergessene Internetrechnung (weshalb uns für ein paar Tage der Zugang zum Internet gesperrt wurde).

frisch vom baum

Links eine reife, aufgeschlagene Kokosnuss. Rechts Buko, junge Kokosnuss.

buko

Sue, Ina und Sven beim Bukoschlürfen. Für eine Weile bewegen wir uns nicht unter der Hütte hervor. Eine warme Speise wird serviert, danach gibt es frische Buko und gekochte Maiskolben. Im Schutz der Hütte schlafe ich für einen kurzen Moment ein.

enkelkind des praesidenten

Oma Villamor mit Enkelkind: Ka Arsings Frau und das Baby, das uns hin und wieder neugierig beäugt.

opa

Ka Arsing und sein Enkelkind in der Hängematte. Zwischen Ernten, Land bestellen und kochen bleibt für die Großeltern auch Zeit, um mit den Kindern und Enkelkindern zu spielen, sie in den Schlaf zu wiegen oder sie nach dem Ausruhen über die Wiesen durch die Kokosnussplantage zu jagen.

Obwohl wir uns nicht in fließendem Englisch mit Ka Arsing und dessen Frau verständigen können, so sind sie uns allen sehr angenehme Wegbegleiter. Auf vergangenen KMBP-Treffen war der KMBP-Präsident selten zugegen. Zu unserem Erstaunen. Er hätte so viel zu tun, beteuerten die anderen Bauern dann. Zudem würde sich bei Ka Arsing in San Andres die Landsituation zuspitzen.

In einem Gespräch am Abend, wir sind gerade von der Farm nach Hause zu Ka Arsing gewandert, erzählt uns dieser, dass er unzufrieden mit der Situation der KMBP sei. Einige der lokalen Präsidenten der KMBP würden nur an sich denken und nicht die Interessen der Bauern Bondocs repräsentieren. Er äußerte, dass er es nicht verstehen könne, wenn die KMBP die Anwesenheit IPONs nicht zu schätzen wisse. Wir seien Freiwillige und die KMBP hätte keine Ausgaben mit uns, sie könnten also auch den kleinsten Nutzen an uns akzeptieren. Für Ka Arsing, so sagt er selbst, sind wir eine moralische Unterstützung.

Ina und ich sind traurig, dass wir uns aufgrund der Sprachbarriere nicht direkt mit Ka Arsing unterhalten können.

Etliche Stunden später, Ed und ich sitzen an einem langsam dahinfließenden Gewässer an einem anderen Ort in den Bergen fernab von San Andres Stadt, erzählt mir Ed von Ka Arsing. Sie haben sich unterhalten, als ich noch geschlafen habe. „God is, what the people do.“, übersetzt mir Ed die Lebensphilosophie des KMBP-Präsidenten. Gott ist, was die Menschen tun. Ich denke lange über diesen Satz nach. Wenig später soll sich zeigen, was für mich dahinter steht. Edvardo redet weiter. Über Ka Arsing. Darüber, dass dieser bereit sei, mit den Bauern in den bewaffneten Kampf zu ziehen. Früher habe er schon zur NPA gehört, ihre Methoden seien ihm deshalb nicht fremd. Ich staune, aber eigentlich sollte es mich nicht überraschen. So viele Bauern haben einst zur NPA gehört und verstecken noch heute die Zeichen der einstigen Zugehörigkeit zu der bewaffneten Gruppierung in ihrem Nachtschrank.

„Ka Arsing ist sehr überlegt.“, sage ich nach einer Weile zu Ed. Wir beobachten die Hölzer, die vom Wasser an uns vorübergetragen werden. „Er hat all seine Erkenntnisse durch Beobachtungen und Erfahrungen bekommen.“, erzählt Ed. Er hat nie ein Buch über Kirchenkritik gelesen, denke ich und sage zu Ed, dass ich Ka Arsing bewundere. „Er ist nur drei Jahre zur Schule gegangen.“, fügt Ed hinzu, „Und er arbeitet hart auf dem Feld, damit alle seine jüngeren Kinder zur Schule gehen können.“

Und ganz nebenbei versucht er, ein aufmerksamer Präsident der KMBP zu sein. Meinen Beobachtungen zufolge ist das ein schweres Unterfangen, denn nicht alle scheinen Ka Arsing so zu schätzen, wie Ed und ich in jenem Moment am Fluss. Wobei – kenne ich diesen Menschen, der mit einem verschlossenen, aber dennoch wachen Blick auf der Holzbank vor seinem Haus sitzt oder der auf seiner Farm in der Hängematte mit seinem Enkelkind baumelt? Es sind Geheimnisse, die mir immer verborgen bleiben werden. Was bleibt sind ein Lächeln und die Zeit, die wir miteinander teilen, nur um des bloßen Seins Willen. Dieses Sein wird umso interessanter, wenn wir uns um ein Geheimnis herum gegenseitig moralisch stärken können. Mit dem gegenseitigen Vertrauen, dass alles gut so ist, wie es ist.

sue und ka arsing

Geschafft, am Ende des Tages. Sue, Ka Arsings Frau, Aris und Ka Arsing.

Das Haus von Roland Zano ist menschenleer. Das ist seltsam, denn es steht sonst nie ohne die Erscheinung irgendwelcher Menschen im Schein der Sonne und des Mondes. Hier, in Nilantangan, im Haus des Menschenrechtsverteidigers Roland Zano ist es für gewöhnlich lebendig.

„Wo stecken die bloß alle?“, fragt Übersetzer Aris. Ich zucke mit den Schultern und stelle meinen Rucksack beiseite. „Wir müssen das fotografieren. Das glaubt uns sonst niemand.“, stelle ich entschlossen fest und krame den Fotoapparat heraus.

aris im leeren haus nilantangan

Übersetzer Aris vor dem menschenleeren Haus Roland Zanos. Die Tür ist geschlossen, die Fenster verriegelt. Es sieht beinahe so aus, als sei Roland ausgezogen. Aber nein...

Mit einem kurzen Tanz feiere ich die Stille und lebe gleichzeitig die Seltsamkeit des Gefühls aus, das mich in jenem Moment beschleicht. Wer Nilantangan und Rolands Haus kennt, der ahnt, wie komisch sich die Leere an diesem Ort anfühlen mag.

Minuten später erreicht ein Junge das Haus. Aris tauscht sich kurz mit ihm aus. Aha, Roland Zano, die anderen Bauern und Nele, die gerade in den Philippinen ist, um für ihre Masterarbeit über IPON Interviews durchzuführen, sind im nahegelegenen Ort. Sie trinken. Sie haben eine Videoke. Sie feiern Neles Abschied.

Nele ist mit Nilantangan sehr verbunden, da sie – als frühere IPON-Beobachterin – im Jahr 2007 für einige Wochen hier gelebt hatte. Früher waren die IPON-Freiwilligen noch die ganze Zeit ihres Aufenthaltes über in den Beobachtungsgebieten und hatten eine dementsprechend tiefere Bindung zu den Bauern als jetzige Teams. Alle freuen sich, dass Nele zurückgekommen ist und nun ein paar Tage in dem Fischerort verbringt.

Aris und ich beschließen, auf Roland und Nele zu warten. Während wir uns über unsere Situation lustig machen, dass wir zu zweit vor Rolands Haus stehen, öffnet eben jener Junge, mit dem Aris zuvor diskutiert hatte, die hölzerne Tür. Kaum einige Momente später erreichen zwei weitere Jungs das Haus, kurz darauf einige weitere. Im Nu, kaum den Rucksack in das Haus getragen, spielt sich vor dem Haus Roland Zanos das gewohnt lebendige Leben ab. Es werden Maiskolben gegrillt, berüchtigte Fragen gestellt („Are you single?“), Fotos gemacht und Lieder gesungen und gepfiffen.

nilantangan2

Bekannte Gesichter - wir erinnern uns aneinander und an die Momente, die wir zu Beginn des Jahres in Nilantangan teilten.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit spazieren Aris und ich barfuß durch den von der Sonne gewärmten Sand zum Haus von Yoly und dessen Eltern. Ich möchte mich gern bei Yoly persönlich verabschieden, da ich während meines Aufenthaltes oft mit ihm zu tun hatte.

Im Schatten seiner Bambushütte erfahren wir, dass Yolys Familie eine Einkommensmöglichkeit gefunden hat. Aufgrund von Habagat (Tagalog, S-O-Monsun) können die Fischer zurzeit zum Fischen nicht auf das offene Meer hinausfahren. Die Landfrage ist, wie bei vielen anderen Bauernfamilien in Nilantangan, auch für Yoly noch immer ungeklärt. Seine Familie hätte zwar die Bäume vor vielen Jahren gepflanzt. Ernten dürften aber lediglich jene Menschen, die für den Großgrundbesitzer Herrn Matias arbeiten. Deshalb kaufen Yoly und seine Eltern Rohmaterialien auf dem Markt, um Liegematten herzustellen. Diese Arbeit ist sehr mühselig und aufwendig, aber sie reicht aus, um eine Summe zu erwirtschaften, mit der die Familie über die Runden kommt. Allerdings ist der Markt für die Liegematten geprägt von Konkurrenz. In der Stadt Aurora, in der Yolys Familie die Werkstücke verkauft, gibt es zahlreiche Händler, die die gleiche Ware billiger anbieten.

Ich frage Yoly, ob er sich aufgrund der Einkommensmöglichkeit überlegt hätte, hier zu bleiben. Eigentlich, so war IPONs letzte Information, wollte sich Yoly für ein Zeugenschutzprogramm bewerben, was für ihn hieße, in die Hauptstadt Manila siedeln zu müssen. IPON hatte zugesagt, ihn bei den Gängen zu staatlichen Stellen zu begleiten. Auf meine Frage hin meinte Yoly, er würde in Nilantangan bleiben wollen.

abschied von yoly

Sue und Yoly vor dessen Bambushütte. Yoly sieht kräftiger und gestärkter aus, als noch vor sieben Monaten. Er hat einen hellen, wachen Blick und ein offenes Lächeln. Ihn in diesem Zustand zu verabschieden, stimmt mich selig.

Nach einem Erinnerungsfoto verabschieden wir uns. Ich lasse Yoly wissen, dass er dem neuen Team, das im September in Bondoc ankommen wird, genauso Vertrauen entgegen bringen kann, wie dem Team seit Januar.

Noch am Abend erreichen Roland und Nele, gut gelaunt und beschwipst, das Dorf mit einem bangka (Tagalog, Boot). Es wird noch ein geselliger Abend, bevor wir alle erschöpft ins Bett fallen.

Am nächsten Tag fahren wir per bangka in die Stadt Aurora, in der ein KMBP-Treffen stattfindet. Dort treffen wir auf Ina, die von Mulanay aus aufgebrochen ist, um mit uns zusammen dem Treffen der Bauern beizuwohnen.

Auf dem Treffen berichtet Roland Zano von der beschlossenen Verlängerung der Landreform und bedankt sich bei allen Bauern, die an den Protesten in Manila und Lucena teilgenommen haben. Er berichtet weiterhin von dem neu angelaufenen Projekt „Building Bridges for Peace“ (BBP; Brückenbauen für den Frieden). Dabei ist mit den Brücken aber nicht gemeint, dass die kleinen Insel der Philippinen mittels Stahlgerüsts miteinander verbunden werden sollen. Die Brücken sind, na klar, ein Symbol. Aktivisten (z.B. von QUARDDS) treffen sich innerhalb des Projekts mit staatlichen lokalen und nationalen Akteuren, um Dialoge zu führen. Im Fokus steht dabei, wie Frieden u.a. in Bondoc entstehen und existieren kann. So haben sich die Offiziellen des Agrarreformministeriums beispielsweise bereit erklärt, innerhalb einer bestimmten Frist in einen direkten Kontakt mit den Großgrundbesitzern zu treten. Diese sollen aufgefordert werden, ihr Land gemäß der Landreform an landlose Bauern zu verteilen bzw. die vorgeschriebenen Ernteabgaben zu leisten.

Sollte es keine Reaktionen der Großgrundbesitzer geben, werden die Bauern mit Unterstützung von QUARDDS das ungerechte Ernteteilungssystem boykottieren und sich das nehmen, was ihnen laut Gesetz rechtmäßig zusteht. Die Aktionen werden der von Casay ähneln (in diesem Blog wurde berichtet). IPON hat Unterstützung zugesagt, sollte es zu solcherlei Aktionen kommen. Noch Ende August wird es erste Boykotte geben, sollten Landbesitzer und Agrarreformministerium nicht in Dialoge treten und Nägeln mit Köpfen machen.

Nach dem Treffen kaufen wir auf dem Markt in Aurora Zutaten für ein abendliches Festessen ein und fahren alle zusammen nach Nilantangan zurück. Dieses Mal nehmen wir den Jeep und atmen statt mit Salz angereicherter Luft Staub ein.

das schwein und die massage

Eine Massage für das Schwein. Kaum aus dem Jeep gehüpft, schon grunzt uns dieses Schwein an. Als ich ihm die Ohren knete, verstummt es und schließt die Augen. In einem Buch las ich einst, dass Ohrenmassagen bei Tieren beruhigend auf das Stimmunsbild wirken sollen. Die Zeilen in dem Buch scheinen einen gewissen Wahrheitsgehalt aufzuweisen. Als ich dann versuche, es zu umarmen, grunzt es wieder aufgeregt.

die nilantangangesellschaft

Die Nilantangangesellschaft. Stehend v.l.n.r.: Ein Bauer, ein Kind, Schwester von Maribel, ein Bauer, Roland Zano, Jansept, Sue, Nele, Maribel, Haushälterin von Roland. In der Hocke: Ina.

Noch immer guter Laune wegen der abenteurlichen Anreise, klettern wir, fast schon in gewohnter Manier, durch den Stacheldrahtzaun, der Nilantangan umzäunt. Er steht wie eh und je. Die Holzpfosten, die den Draht halten, sind fein säuberlich in den sandigen Boden eingelassen. Es scheint, dass kein Wind sie je umstoßen kann.

zaun nilantangan zaun in nilantangan

In Nilantangan verbringen wir einen geselligen Abend. Von Jansept, dem Community Organizer von QUARDDS, erfahre ich, dass die Philippinen keine Geschichte aufzuweisen haben, auf die ein Aktivist wie er stolz sein kann. In anderen Ländern, da hätten die Landlosen schon längst den Kopf der Landbesitzer auf Zaunpfähle aufgesteckt, um ein Zeichen zu setzen. Ich stelle mir vor, wie Herr Matias mit leeren Augenhöhlen auf den sandigen Boden Nilantangans blickt und seine Mundwinkel dabei herabhängen. Ich schüttel mich kurz und zeige Jansept mit einem eiligen Herunterschlucken des starken Alkoholgetränks, dass ich noch bereit bin, ihm zuzuhören und mich mit ihm zu sozialisieren. Von meinen Methoden des gewaltfreien Umgangs mit Mitmenschen kann ich ihn in jener Nacht wohl nicht mehr überzeugen.

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Nele auf dem Boot in die Stadt Aurora. Im Hintergrund ein allen unbekannter Mann mit einer Schusswaffe.

Dass das Land vor Waffengewalt nicht zurückschreckt, wird uns am Morgen der Abreise aus dem Fischerdorf wieder vor Augen geführt. Beim Besteigen des bangka entdecken wir einen Mann, der ein Gewehr trägt. Wir fragen Roland, wer das sein mag. Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht hat hier auf dem Boot jemand einen Leibwächter.“, antwortet er nur kurz und lässt sich den Fahrtwind durch das Haar wehen. Wenn Roland nicht besorgt ist, dann können wir uns auch zurücklehnen, den Wellen beim Peitschen zusehen und das Rauschen des Wassers genießen.

sue und jansept

Jansept und Sue auf dem Boot, umweht von salzgeschwängerter Luft.

ina und sue

Sue und Ina. Der Aufenthalt in Nilantangan hat uns das Leben der Bauern wieder näher gebracht. Um als Friedensbeobachterinnen arbeiten zu können, brauchen wir diese Eindrücke. Auf diese Weise können wir jenen, die weit weg von Bondoc im Büro sitzen, begreiflich machen, unter welchen Bedingungen die Bauern ihr Leben leben.

Nilantangan, werde ich dich wiedersehen? Diese Frage hat sich Nele vermutlich vor zwei Jahren auch gestellt. Sie ist zurückgekehrt in das kleine Fischerdorf, das nach wie vor um Land kämpft. Seit 2007 hat sich hier viel geändert. Viele der Jugendlichen, Kinder von Bauern, sind in das Militär eingetreten. Ein Sohn des auf Bondoc bekannten Goons (bewaffneter Landverwalter des Großgrundbesitzers Herrn Matias) ist in die KMBP eingetreten und kämpft mit den Bauern zusammen für die Verteilung des ihnen zustehenden Landes. Er setzt sich damit der Kritik seiner Familie aus, die nicht nur bereit sein wird, ihren Sohn tatenlos vor die Bambustür zu setzen. Für die Bauern von Nilantangan sind das alltägliche Geschäfte. Für mich als Friedensbeobachterin ist so mancher Aspekt schwer verdaulich.

Über den Aufenthalt Jan Pingels in den Philippinen ist vor einiger Zeit ein Artikel in der Norddeutschen Rundschau erschienen. In diesem Bericht erzählt Jan in einer Art Rückblick von den Aufgaben eines Menschenrechtsbeobachters und von Freud und Leid der betroffenen Bauern und Aktivisten.

Nun gibt es den Artikel hier zu lesen.

Es ist mehr als Menschenrechte zu dokumentieren. Es ist mehr als zu beobachten, wie fremde Kühe über den Gemüseacker der Bauern getrieben werden. Es ist mehr als von einem betrunkenen Polizisten gesagt zu bekommen, dass der Gefangene rechtmäßig verhaftet worden ist. Der Aufenthalt in den Philippinen mit der Organisation IPON ist mehr als anfangs angenommen, denn es geht nicht nur darum, als Beobachterin zu arbeiten.

Zu Beginn stellt sich jeder und jede, die von IPON hören, die Frage, was wir eigentlich machen. Als Mitglied einer sehr jungen Organisation fällt es mir schwer, eine kurze Antwort zu geben. Da bedarf es schon einer längeren Erklärung.

Sozialstunt. Wer mit IPON in die Philippinen geht, lässt sich auf eine sehr intensive Zeit innerhalb einer kleinen Gruppe ein. Wir essen zusammen, wir kaufen zusammen ein, wir schlafen in einem Haus, in dem auch unser Büro ist. Arbeitsplatz, Freizeitgestaltung, der gesamte Lebensraum – all das auf einem sehr engen Raum, innerhalb einer sehr kleinen Einheit. Offene Gespräche untereinander helfen uns über einige Unzufriedenheiten hinweg. Mentor Patrick, in Deutschland lebend, ist für uns da, wenn wir einen persönlichen Ratschlag brauchen und die oftmals zur Problemlösung nötige Distanz nutzen möchten. Sven, Ina und ich, jeder von uns hat seine eigenen Methoden, um sich mit der Situation anzufreunden. Es ist ein Sozialstunt, wie eine Freundin von mir einst in einem anderen Zusammenhang erkannte. Dieser Sozialstunt kann gleichzeitig Antrieb für die Arbeit in IPON, aber auch Auslöser für Frustration oder Freude innerhalb des Teams sein.

tierrechte

Gerupftes Federkleid, schwerer Atem - dem Tode nahe? In einem Moment glaubte ich, dass Hühnchen würde gleich umfallen und der Atem würde es verlassen. Als ich im nächsten Moment hinsah, war es fort. Es rannte um unsere Beine herum und jagte ein anderes, größeres Huhn. Die letzte zusammengeklaubte Kraft oder einfach nur ein befremdliches Antlitz von Leben? - Auch unter einem zerrupften Federkleid steckt Leben.

Das Leid der Menschen um dich herum. Die Bauern der KMBP, die wir begleiten, wohnen auf dem Land. Dieses ist weit entfernt von der Hauptstadt Manila, in der die politischen Entscheidungen getroffen, in der Geld und Papiere gefälscht und Autoabgase eingeatmet werden. Auch wenn das Leben in Bondoc auf mich einen friedlichen Eindruck macht, ich mich an den Bergen erfreuen kann und der Meinung bin, dass die Bauern Bondocs längst nicht einen so strengen und verbitterten Blick haben wie die Menschen, die ich in Manila erlebt habe – so ist es nur mein Gefühl. In der Wirklichkeit der Bauern zählen diese sich zu den Ärmsten des Landes. Dass sie von einem Armutsbegriff ausgehen, der bestimmt ist von Geldnot und Entscheidungsunfreiheiten, das erwähnen sie nicht extra. Kinder sehen selten Gemüse, obwohl direkt neben ihnen der Mais gedeiht. Ich habe selten einen Bauern Buko (junge Kokosnuss) trinken sehen, für uns Gäste hingegen werden sie nicht selten frisch von den Bäumen geerntet. Zu Demonstrationen und Gerichtsverhandlungen können die Bauern teilweise nicht fahren, weil sie kein Geld besitzen. Nicht einen Pesoschein! Sie fragen uns nach Geld, immer wieder werden wir darauf angesprochen, finanzielle Hilfe zu leisten. Einmal, das war im April, haben wir ihnen gemeinschaftlich die Benutzung eines Jeeps bezahlt, damit sie zur Demonstration fahren konnten. Oft lehnen wir ihre Bitte ab, wollen hart bleiben. In „unserer“ Welt sind wir diejenigen, die wenig Geld besitzen. Das erzähle ich ihnen nicht so oft. Ich verstecke meine Traurigkeit hinter ihren Rücken, die müssen sie nicht auch noch tragen. Zu viel spielt sich schon vor ihren Augen ab: Vom Großgrundbesitzer bestochene Ministeriumsangestellte, ermordete Freunde, gerippige Hunde, Kinder, die nicht zur Schule gehen können, Taifune, offizielle Dokumente zur Klärung (oder Verworrenheit) der Landfrage, mit denen höchstens das Kochfeuer entfacht werden kann.

Die Beziehung zu denen, die du schützen willst. Unter diesem zerrupften Federkleid steckt eine Kraft, sich gegen das „Böse“, gegen den „Feind“ aufzubäumen. Die Bauern von Bondoc sind bereit für einen bewaffneten Kampf. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Feindbilder zu kreieren ist mir fremd. Sie selbst haben ebenfalls Schwierigkeiten, zu sagen, wer genau der Feind eigentlich sein soll. Ist es das negative Gefühl in ihren Herzen, gegen das sie ankämpfen wollen? Und gegen all jene, die dieses Gefühl in ihnen auslösen? IPON ist mittendrin in dieser Kette aus frustrierenden Ereignissen. Wir selber sind Bildschirm für die Sorgen der Bauern und Aktivisten geworden. Plötzlich, es ist nunmehr zwei Monate her, ging es nicht mehr um herzliche Einladungen der IPON-Freiwilligen in die Beobachtungsgebiete, sondern es ging um all das, was wir nicht gegeben haben und vielleicht auch nie geben können. Die Bauern der KMBP und die Mitglieder der begleitenden Organisation QUARDDS kritisieren unseren Menschenrechtsansatz. Dieser stellt allerdings unsere Garantie dar, um auf der internationalen Ebene arbeiten zu können. Wie kann es funktionieren: Ist es uns möglich, die abstrakte Ebene, die viel zu weit weg ist vom Alltag jener Menschen, für die wir uns einsetzen wollen, zu verknüpfen mit den Erwartungen eben dieser? In Gesprächen erfolgte ein reger Austausch mit den Bauern der KMBP und den Mitgliedern von QUARDDS.  Wir sahen uns neben den Kritikpunkten, an denen wir zurzeit arbeiten, unter anderem auch kulturellen Kommunikationsschwierigkeiten ausgesetzt. So direkt, wie wir die Dinge aus- und anzusprechen pflegen, realisiert das kaum ein philippinischer Mensch. Da müssen wir meist erst zum nächsten Sari-Sari-Geschäft laufen und eine Flasche Matador einkaufen, um die Redehemmung unserer Partner zu senken. Dann kommt es dafür umso heftiger aus ihnen herausgesprudelt.

Die Beziehung derjenigen, die helfen wollen, zu denen, die Hilfe brauchen. Was in mir endlose Gedankenschleifen hervorruft, ist jedoch nicht nur die Beziehung IPONs zu QUARDDS und der KMBP, sondern auch die Beziehung zwischen QUARDDS und der KMBP selbst. Wie gehen die Aktivisten mit den Bauern um? Ziele von QUARDDS sind, die Bauern in ihren Rechten aufzuklären, sie in politischen Angelegenheiten zu schulen, Kampagnen zu planen, sie zu staatlichen Stellen zu begleiten usw. Was aber, wenn diese Beziehung derart von ungerechten Machtstrukturen durchsetzt ist, dass am Ende jedes „gut“ gemeinte Ziel umzukippen droht? Was, wenn jene, die helfen wollen, letztendlich die gleichen Methoden anwenden, wie jene, die von ihnen kritisiert werden? Im Moment ist das der größte Punkt, an dem ich an einem Bleistift kauend meine Gedanken sortieren muss, um sie anschließend niederzuschreiben. Wie können wir Menschen uns verständigen, uns unterhalten, wenn wir einander nicht zuhören? Und die Beantwortung dieser Frage ist in meinen Gedanken nicht zu durchsetzen mit kulturell bedingten Entschuldigungen, wenn wir eine friedlebige Welt schaffen wollen. Die Bauern Bondocs werden jedoch manchen Moments nicht nur von der Regierung mit Schmach behandelt und zu einer nichtigen Erscheinung niedergepresst…

Unter einem zerrupften Federkleid bleibt dann ein riesiger Berg Gedanken, der nach und nach abgetragen werden muss.

Wenn sich jemand nach all diesen Worten fragen mag – Himmel bewahre, was ist denn bei denen in IPON los? – dann möchte ich beruhigende Worte entgegnen: Es ist einfach nur das Leben los, weiter nichts.