
"Observe the observers", beobachte die Menschenrechtsbeobachter - Ein Satz, den wir nicht selten zu hören bekamen und bekommen. Entsprechende Fotografien gibt es dann auch. Hier werde ich wohl kritisch von Mutteraugen beäugt. Nachdem ich einen Floh im Fell des Kleinen entdeckte und sich mir daraufhin ein ganzes Nest an Flöhen offenbarte, hatte sie ihren Welpen wieder zurück.
Es ist der 26. Juli 2009. Edvardo und ich kommen in Balig´ang an, dem Ort, der meine Wurzeln in Bondoc wachsen ließ. Ein Bauer namens ‘Buda’ fährt uns mit seinem Motorrad bis zum Ende des befahrbaren Weges. Von hier aus wandern Ed und ich den Berg hinauf, bis wir schließlich die mir vertrauten Bambushütten entdecken. Schräge Töne schallen uns entgegen. Nele hatte mich bereits vorgewarnt, dass es in Balig´ang mittlerweile Strom gäbe. Die Warnung bezog sich jedoch nicht auf diesen bloßen Fakt, sondern eher auf die Ausgestaltung des Elektrizitätsphänomens. In der fünf Hütten umfassenden Siedlung wird der Strom, der durch einen laut brummenden Generator mit Benzin erzeugt wird, für ganztägige Unterhaltung genutzt: Filme auf DVD. Als Ed und ich das Dorf erreichen, sitzt eine Menschengruppe beieinander und sieht sich sichtlich konzentriert und fasziniert einen Film an.
Ich bin aufgeregt, weil ich Ed endlich den Ort zeigen kann, von dem ich ihm schon so viel erzählt habe, und weil ich mich verabschieden werde. Als Geschenk werde ich Albert*, örtlicher Gruppensprecher der KMBP hier in den Bergen, später den in seine Sprache übersetzten Artikel von mir geben. IPON-Freiwillige veröffentlichen in Deutschland permanent Artikel, schreiben UnterstützerInnenbriefe oder halten Vorträge. Von all dem bekommen die KMBP-Bauern in den Philippinen nicht viel mit.
Albert soll wissen, dass Balig´ang, die Ansammlung von nur wenigen Bambushütten, Anlass war, eine Geschichte zu erzählen und sie mit anderen Menschen zu teilen. Geschichten sind ein Verbindungselement für Menschen, sind Anlass für Austausch und sie helfen uns, Zurückliegendes nicht zu vergessen.
Als Friedensbeobachterin in Bondoc habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Geschichten der KMBP-Bauern zu sammeln, sie zu erzählen und sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Nicht immer ist das Geschichtenerzählen einfach, wenn wir Wochen über Wochen versuchen, Kontakt mit staatlichen philippinischen Stellen aufzunehmen, um ihnen jene Geschichten zu erzählen. Oder aber wir erzählen ihnen die Geschichten und es hinterlässt kaum merkbare Spuren in ihren Gesichtern. Stattdessen neigt so mancher Zuhörer dazu, zu erklären, wie schwierig alles sei und wie machtlos er in seinem Bürostuhl ist. Aus der Geschichte über die Bauern Bondocs wird dann schnell eine Erzählung über das komplexe System in den Philippinen.
Können Menschen Geschichten lauschen, wenn sie selbst erst einmal ihre Geschichte erzählen, sie also selbst erst einmal zu Wort kommen wollen?

Albert liest einen Brief von IPON, den Ed und ich ihm überreicht haben. In diesem Brief erklärt IPON, dass wir uns der Kritik, die seitens der KMBP-Bauern geäußert wurde, angenommen haben.
Die Zeilen, die folgen, sind in Tagalog. Nichtsdestotrotz möchte ich sie einbringen, denn sie gehören dazu. Es ist der “Spitze Stift” über Balig´ang, übersetzt von Edvardo und im Sinn vervollständigt durch seine ganz eigenen poetischen Gedanken. Als Edvardo die Zeilen am nächsten Morgen Albert und seiner Frau vorlas, hatte der KMBP-Bauer Tränen in den Augen. Auf Tagalog vorgelesen klingt der Text wie ein meditatives Lied.
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Nanganganib na Pagkawala ng Payapang Pakiramdam sa Pilipinas
Ang kapayapaan ay hindi madaling matagpuan sa bansang ito. Hindi katulad sa dami ng mga kahoy, ang kapayapaan dito ay isang pangitain lamang na parang ‘di na uusbong. At dito, kung pag-uusapan ang kapayapaan, marahil ay iba na ang kahulugan. Ito’y isa na lamang pakiramdam na madarama sa pamamagitan ng likas na ganda ng kapaligiran. May mga bumibitbit ba ng armas? May ingay bang galing sa pagawaang industriyal? May baho ba ng usok galing sa mga sasakyan? Sa Sitio Balig’ang sa Bondoc Peninsula, natagpuan ko ang payapang pakiramdam na dala ng kalikasan.
Nakatayo ang isang babae sa ilog na tahimik ang agos. Paminsan-minsan, yumuyuko siya upang dumampot ng susó. Nilapitan ko siya sa patuhod na lalim ng ilog. Sa likod ng kanyang binti, nahihiyang tumago ang maliit niyang anak. Ginaya ko ang ginagawa ng babae— inilubog ko sa ilalim ng tubig ang aking kamay at hinukay ang lupa sa ‘di malamang kukunin. Maya-maya lang ay puno na ng susó ang dala niyang lalagyan. Nang binigkas ko ang susó, lahat ng nakapalibot sa amin ay nagsitawanan. Sabi ng kasama naming Pilipino na marunong mag-Englis, mali daw ang aking bigkas. Ang natukoy ko pala ay ang dibdib ng babae— súso! Biglang namula ang aking mukha, at sumabay na rin akong tumawa sa kanila. Pinangako kong tatandaan ko na ang tamang bigkas ng susó. Pagkatapos ng araw ng iyon, napagtanto ko na mas mabuti pala na maghanap na lang ng susó kaysa kainin ito.
Walang linya ng kuryente sa Balig’ang. Ang tubig, kailangan pang isalok galing sa ilog. Dito sa lugar ng mga bahay-kubo, may mga magsasakang matagumpay na nakikipaglaban para sa kanilang mga lupang pilit na inaangkin ng mga mayayaman. Kahit ang mga babae ay may mahalagang papel na ginagampanan. Bukod sa pag-aani at pagtatanim, sila mismo ay harapang ipinagtatangol ang kanilang sariling lupain. Sa katunayan, hindi sila natitinag na ipagpatuloy ang kanilang mga sinimulang adhikain. Dahil dito, mayroong kakaibang kapayapaang nananaig sa Balig’ang. Nakatayo lang na ngumunguya ang mga kalabaw sa ilog. Ang mga manok sa kusina, hinahabol papalayo ng mga aso. Labas-pasok ang mga bata sa pagitan ng mga binti ng kanilang mga magulang. Ang mga sako-sakong bunga ng niyog, mabibigat na pinapasan lang pataas sa mga burol. Sa isang tingin, parang walang makakasira sa ganitong payapang pakiramdam na dala ng tanawin.
Bilang isang tagasubaybay ng sitwasyon sa karapatang pantao, lumalakas ang aking loob na makita ang mga taga-Bondoc Peninsula na magsanib-sanib para isulong ang kanilang karapatan. Pero hangang kailan mananatiling ganito ang sitwasyon dito? Tinanong ko ang aking kaibigan: Talaga bang walang nakatago sa likod ng mga punong-niyog na sisira sa kapayapaan ng lugar na ito?
Napaghihinaan ng loob ang mga taga-Balig’ang kapag naiisip nila kung ano ang kahahantungan ng kapayapaan sa hinaharap. Sa darating na Hunyo, kapag hindi maipasa ang pagpapanatili sa CARP, darating kaya sila? Sino sila? Oo, ang mga mayayaman. Kukunin at aangkinin nila ang mga lupa kapag wala na ang CARP. Sa anong paraan nila maaaring maagaw ang mga lupain? Pananakot. Pagpapahiya at pagpapahirap sa pamamagitan ng pagsampa ng kung ano-anong kaso laban sa mga magsasaka. Ngunit patuloy pa rin na lalaban ang mga naaapi para makamit ang inaasam na hustisya.
Sa gitna ng taon, babalik ulit ako sa Balig’ang. Kung mayroon pang matirang oras pagkatapos ng mga pagpupulong, aakyatin ko ulit ang mga burol gamit ang daang may lilim ng mga punong-niyog. Ilulubog ko ulit sa ilog ang aking mga kamay at huhukayin ang lupa para sa mga nagtatagong susó.

Ein schlafender Hund auf dem hölzernen Tisch. Während Ed übersetzte und ich Tagebuch schrieb, gesellte sich der Hund zu uns und hielt seinen Schlaf.

Das Huhn in der Küche. Ganz so engagiert wie bei meinem letzten Besuch, war der Hund dieses Mal nicht beim Verjagen des Huhns aus dem Kochgeschirr.
Edvardo und ich verbringen eine Nacht in Balig´ang. Umringt von Hunden, bekocht mit – na klar – suso, denen ich mich erneut verweigere, und mit einem Gespräch zu dritt bis in die Nacht hinein, genieße ich meinen Abschied von Balig´ang.
“Tagay-tagay?”, fragt uns Albert nach dem Abendessen und schaut uns mit großen Augen und einem Grinsen an. Noch bevor wir antworten können, stellt seine Frau die Matadorflasche auf den Tisch. Ringsherum ist alles still, bis auf den Generator, der vor sich hin brummt und mit dem Brummen den Film für die Kinder abspielt. Von wegen Sandmann kurz vor sieben, hier heißt es Actionfilm bis kurz nach zehn.
Moderne Zeiten. Bewaffneter Kampf. Gewaltfreiheit. Das Danach. Die Kinder.
“Soll ich wirklich fragen?”, versichert sich Edvardo bei mir. Ich überlege kurz. Es ist nichts dabei, diese Frage zu stellen, denke ich. “Meinst du, ich sollte die Frage nicht stellen?”, wende ich mich an Ed und sichere mich ob des kulturellen Hintergrunds ab. “Doch, doch, du kannst sie stellen, aber sie ist schwer. Selbst ich müsste erst einmal überlegen.”, lacht er und wendet sich auch schon an Albert, der unserem Englisch gespannt gelauscht hat. Ed übersetzt ihm die Frage. Albert lacht. “Mahirap!”, sagt er (mahirap meint schwierig) und schaut nachdenklich auf den Boden. Nach einer kurzen Weile beginnt er, zu erzählen. Er erzählt und lacht dabei und schaut wieder nachdenklich zu Boden.
Für Albert sind moderne Zeiten verbunden mit Fernsehen und Schnellrestaurantketten. Er hat nie das Bedürnis in seinem Leben gehabt, in die Stadt zu siedeln. Dafür sei er zu stark mit diesem Boden verwurzelt. Seine Söhne, der älteste ist gerade 14 Jahre, reden öfter davon, dass sie gern einmal in der Stadt wohnen möchten. Die nächstgrößere Stadt, Lucena, ist ca. sechs Stunden von Balig´ang entfernt. Gehen die Söhne, ist niemand mehr da, um das Land zu bewirtschaften. Als Vater sei das oft schwer, zu begreifen, aber Albert arbeitet, um den Kindern zu ermöglichen, was immer sie wollen. Wenn sie in die Stadt gehen wollen, werde er sie nicht aufhalten.
Albert ist, wie auch Ka Arsing, bereit für einen bewaffneten Kampf. “Menschen kämpfen hier seit Generationen für ihre Rechte und erleiden so viel Gewalt.”, sagt Albert. Diese Gewalt äußert sich in den Philippinen durch Waffengewalt, Ignoranz, Einschüchterungen, unfaire
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Gesetzesformulierungen, aber auch durch das Drängen der Bauern in eine Rolle der Stimmlosen. Wenn sie also über so lange Zeit diese schwelende Gewalt erduldet haben und dadurch eines gewissen Todes gestorben sind, dann können sie auch im bewaffneten Kampf um ihre Rechte fallen. So und so ähnlich drückt sich Albert uns gegenüber aus. “Und so oder so sind die Bauern Bondocs Gewalt ausgesetzt.”, ergänzt Albert und fügt ein flüchtiges Lächeln bei.
Albert bestätigt mir an diesem Abend, dass das Gefühl von Frustration und Ärgernis bei den Bauern größer ist als die Angst und die Sorge um den bewaffneten Kampf und das Danach.
“Was wird danach passieren? Wenn die Bauern und die Kinder einmal die Macht der Waffe begriffen haben, werden sie dann in die Berge auf die Ländereien zurückkehren? “, frage ich. “Ich bin besorgt um das Danach. Waffen können so mächtig sein. Wie denkt ihr darüber?”
Ed nickt, flüstert mir schnell ein “schwierig” zu und übersetzt wieder für Albert. Der KMBP-Bauer hofft, dass die meisten in den Bauernalltag zurückkehren würden. Das Blut der Bauern ist in ihnen allen. Er hofft, dass es stärker ist als der Glaube an eine Waffe nach dem Kampf. “Wir müssen vereint sein.”, äußert sich Albert besorgt und spielt auf die Uneinigkeit unter den philippinischen Organisationen an, die auch IPON schon beobachtet hat.
“Sie brauchen einen guten Anführer, wenn es eine Revolution geben sollte.”, erklärt Ed und fügt vorsichtig hinzu: “Soll ich ihn fragen, ob die Bauern schon jemanden haben, der sie anführen kann?” “Ich weiß nicht.”, äußere ich nachdenklich, “Das ist mir unangenehm.” “Mir auch. Dann lassen wir´s, ja?”, sagt Ed erleichtert. Im Nachhinein bereuen Ed und ich, dass wir Albert nicht nach dem potentiellen Anführer gefragt haben.
Uneinigkeit innerhalb der Organisationen, die eigentlich die gleichen Ziele haben, gibt es hier wie Thunfischdosen im Supermarkt. Wer schützt die Mitglieder der Organisationen davor, die Waffen gegen sich selbst anzulegen? Wenn der gemeinsame Feind erst einmal bekämpft ist, erinnert sich so manch einer an vergangene Streitigkeiten. Und dann sieht er an sich herab, sieht die Waffe in der Hand und den alten Freund vor sich -
das Danach. Albert nickt.
Das Übersetzen fällt Ed an manchen Stellen schwer, weil die Unterhaltung für ihn selbst emotional ist. “Danke, dass ich mit hier sein kann.”, wirft Ed in das Gespräch ein. Ich bedanke mich daraufhin bei ihm und Albert für den Moment, den wir teilen. Albert gibt zu, dass ihm Unterhaltungen dieser Art oft fehlen. Zwar könne er mit der lokalen KMBP-Gruppe offen diskutieren und sie würden innerhalb der Treffen auch die Themen Kinder und Zukunft besprechen. Unterhaltungen wie diese seien es aber, die ihm neue Denkanstöße geben könnten und mit deren Hilfe er seine Welt durchdenken könne. “Über viele Themen unserer Unterhaltung hat Albert noch nie so bewusst nachgedacht.”, sagt Ed und freut sich.
“Oh, er will noch etwas sagen.”, horcht Edvardo auf und blickt in Alberts Richtung. Ich lausche seinem Tagalog und der anschließenden Übersetzung durch Ed: “Das Land braucht sie, die Bauern. Jede Gesellschaft braucht jemanden, der das Land bestellt, um die Nahrung sicher zu stellen.” Albert stellt mir die Flasche hin, in der der letzte Schluck Alkohol in kreisförmigen Bewegungen gegen die glasige Wand schwappt. “Tagay mo.”, lacht er und stützt sich auf dem Tisch ab. Seine Frau, die sich die ganze Zeit über im Verborgenen gehalten hat, kommt aus der Bambushütte und holt ihren Mann zu sich.
“Albert ist der erste Bauer Bondocs, den ich im Trinken geschlagen habe.”, lache ich und zeige stolz auf die leere Flasche. “Aber hast du seine Runden gesehen? Seine Gläser waren immer recht voll, während wir nur einen kleinen Schluck im Glas hatten.”, entgegnet Ed und besänftigt meine Freude. “Albert zu Dank sind wir jetzt noch fit.”, sagt Ed mit einem sichtlich schlechten Gewissen.
Der Geschichtensammelkorb ist unsagbar schwer an diesem Abend. Wenn der Korb nicht mehr zu tragen ist, so ist es an der Zeit, um zu Bett zu gehen.
* Name geändert

Abschiedsfoto: Alberts Frau, Sue, Albert und Alberts ältester Sohn vor der Familienhütte in Balig´ang.


