Ein Huhn rennt lautlos an uns vorbei. Ich schleiche mich in Kuya Boys Haus. Es steht im Rohbau, überall riecht es nach Beton. Das hereinscheinende Sonnenlicht wird an den von mir aufgewirbelten Staubkörnern reflektiert. Ohne Reue ihrerseits und ohne Widerstand meinerseits scheucht mich die trockene Luft zurück nach draußen, wo das Huhn, das eben noch rannte, bereits in der Küche zubereitet wird.
Lange verweilen wir nicht an diesem Ort, an dem gerade auf der am Haus vorbeiführenden Straße Bananen auf einen Jeepney geladen werden. Von hier aus wird die Ware später nach Metro Manila gebracht, wo sie auf dem Markt verkauft werden soll. Boys Haus steht am Rand der Stadt San Andres. Ein Tricycle, gefahren von unserem Bekannten ‘Binladen’, bringt uns früh am Morgen von Ka Arsings Bambushütten auf Sand zu Kuya Boys Haus aus Beton. Aus den Blicken verschwunden ist das Meer, das am Morgen noch so strahlend glitzerte. Unsere Faszination gilt dieserorts den auf Pferden reitenden Bauern und den besattelten Carabaos, die ein reges Treiben auf der Straße verursachen.
Kuya Boy und seine Frau empfangen uns freundlich. Es gibt gekochte Bananen und ausreichend Zeit zum Unterhalten, denn wir warten auf Tatay Garlo. Tatay wird informell für Vater benutzt. Im Gegensatz zu Kuya setze ich Tatay meist vor Personennamen von Bauern, die im Alter meiner Großmutter sind. Kuya steht in den Philippinen für eine respektvolle Anrede eines älteren Bruders. Obwohl wir in unseren Stammbäumen keinerlei verwandtschaftliche Verhältnisse mit Kuya Boy oder Tatay Garlo ausmachen können, hat es sich unter IPON-Mitgliedern eingebürgert, manche Bauern mit eben jenen Formen der Höflichkeit anzusprechen.

Edvardo, Kuya Boy und Sven kurz nach dem Interview. Die Bauern schaffen es immer wieder, in einem Moment eine traurige Stimmung in mir auszulösen, während in anderen Momenten das Grinsen nicht weichen will.

Nachdenkliche, fragende Blicke während des Gesprächs. Links Boy Olaso, rechts Ina. Edvardo übersetzt uns Kuya Boys Tagalog ins Englische und ihm unser Englisch ins Tagalog.
Tatay Garlo, ein weiterer Bauer der KMBP, lässt auf sich warten. Die Zeit reicht, um ein kurzes Interview mit Kuya Boy über die nahe gelegene Gemeinde Banaba, zu führen.
Nach einem Treffen mit Angestellten des Agrarreformministeriums (DAR) in 2008, auf dem das Land einiger Bauern in der Gemeinde Banaba in den Bergen klassifiziert werden sollte, stellte sich heraus, dass der Landbesitzer ein anderer ist, als eigentlich angenommen wurde. Der Landtitel blieb zwar mit dieser Feststellung in den Händen der selben Familie, der Familie Tan, jedoch änderte sich für die Bauern nach der Landklassifizierung so einiges. Die Bauern hatten nach dem Wechsel des Landbesitzers keine Erlaubnis mehr, zu ernten. Zudem verlangt der neue Landbesitzer Tan jetzt eine Entschädigung von 60 000 PhP (entspricht ca. 900 Euro) von jeder Familie, weil die Kleinbauern auf seinem Land über all die Zeit Kokosnüsse geerntet hatten. Sein Bruder, dem das Land in seligem Wissen um die Landsituation zuvor gehört hatte, hatte nichts gegen eine Ernte der Bauern einzuwenden gehabt. Scheinbar nicht. Und zumindest scheinbar glaubten auch die Angestellten des DAR die Landfrage geklärt.
Scheinbar, so trübt es sich im Auge eines Betrachtenden, liegt hierin wieder ein Beispiel für die Situation der philippinischen Kleinbauern, die über Generationen hinweg Landarbeiter waren und die jetzt für eigenes Land kämpfen. Die beteiligten Gruppen wiegen sich in einem Wissen, das auf keinem Papier geschrieben steht. Und plötzlich verlangen alle nach offiziellen Dokumenten, die beweisen sollen. Dokumente zu beschaffen, funktioniert hier in den Philippinen eigentlich ganz einfach: 1) Glatt gestrichenen Geldschein auf den Schreibtisch des DAR-Mitarbeitenden legen, muss auch gar nicht in einem Briefumschlag unter dem Tisch überreicht werden. Fürs zur Schule gehende Dutzend, Schulhefte kaufen und so. 2) Metro Manila, Bahnstation, rechts abbiegen, Straße runter bis zur nächsten Ecke. Anstellen, warten, Wunsch äußern, entsprechend der Qualität und Quantität bezahlen und mit funkelnden Augen zurück nach Hause fahren.
So werden ungeklärte Fragen mit einem offiziellen Dokument beantwortet. Und Landarbeiter werden zu Landlosen, Bauern werden zu bloßen Namen in Schriftstücken.

Aris auf der Coprawaage. - Naja, Schuld ist wohl der Alkohol, Aris, nicht? Während wir auf Tatay Garlo warten, fallen uns allerhand Beschäftigungen ein. So ein Bauernhaus ist mancherorts wie ein lebensgroßer Spielplatz.
Die Zeit des Wartens auf Tatay Garlo reicht für Edvardo und mich auch, um ein paar Zeilen des Spitzen Stifts über die Ortschaft Balig´ang, der im Mai 2009 in der Zeitung erschienen ist (zu finden auf diesem Webblog), in die englische Sprache zu übersetzen. Es ist ein theatralisches Unterfangen. Der Artikel ist in der deutschen Sprache geschrieben. Ich versuche, die Sätze ins Englische zu übersetzen, aber mein Englisch stößt an viele Grenzen. Um die Bedeutung meiner Aussagen an Ed zu vermitteln, konfrontiere ich ihn an manchen Stellen statt mit Worten eben mit Bewegungen. Plötzlich stehen vor ihm, leider ohne Verkleidung, aber mit vielen Geräuschen und sonstigen Nachahmungen: Ein kauender Wasserbüffel, eine im Wasser watende Frau, Hühner, die durch das Geschirr fliegen und ein Bauer, der einen Sack voll Copra den Berg hinauf schleppt.
“Warte nur, bis du Balig´ang kennen lernst.”, sage ich zu Ed, während ich wie eine gebückte alte Frau vor ihm auf und ab spaziere. “Und du die Frauen kennen lernst, die nachts Kokosnüsse geerntet haben, um es vor den bewaffneten Männern zu verbergen.” Ich reibe mir den Rücken und springe auf die Rasenfläche, auf der ich mich neben Ed zu Boden plumpsen lasse.
Aris ruft aus der Ferne. Tatay Garlo ist angekommen.

Im Gespräch mit Tatay Garlo. Im Hintergrund das Haus von Kuya Boy. Die Betonwand ist zu sehen, der trockene Staub nur zu erahnen.
Tatay Garlo. – Ich erinnere mich an meinen ersten Tanz mit einem philippinischen Kleinbauern. Das war im Januar, in der Gemeinde Paitan, auf dem Abschiedsfest von Patricks Team und der Willkommensfeier für David, Jan und mich. Anfängliche Skepsis und Schüchternheit wichen einem wilden Tanzgelage. Bauer Bobier, im gleichen Alter wie Tatay, bat um meine Hand, sie zu schwingen durch die ganze Bambushütte. Das aber hieß der Tatay Garlo gar nicht gut. Tatay stampfte empört auf den Bobier zu, blickte ihm böse und mir aufgeweckt lieb ins Gesicht und griff meine Hand, die eben noch in derer Bobiers ruhte und mit ihm herumwirbelte. Dann wirbelte meine Hand mit Tatay Garlo durch die Bambushütte. Der Bobier aber, der ward es nicht zufrieden und riss mich dem Tatay aus der Umarmung. Ich stand da, wusste nicht ein noch aus, setzte mich stattdessen auf einen Stuhl und geduldete mich, bis der Kampf schließlich vorbei war. Zu kämpfen wissen die Bauern Bondocs, die sich seit Jahren mit dem Großgrundbesitzer um Land streiten. Bobier kam lächelnd auf mich zu und streckte mir seine Hand entgegen, die ich nicht entgegen nahm. Die beiden älteren Männer sahen sich den restlichen Abend nicht mehr in die Augen.
Tatay Garlo also, ja. Nicht ganz so weit zurück wie mein erster Tanz liegt für Tatay Garlo die Geschichte mit dem Vieh. Das Vieh wurde und wird vom Großgrundbesitzer über das Land getrieben. Das war verstärkt 2008 und kurz vor einer Landklassifizierung. Landklassifizierungen, so mag es ankommen und so ist es auch, bringen für die Bauern meist statt Entscheidungen nur noch mehr Probleme und ungeklärte Fragen mit sich.

Aris, Übersetzer im Gespräch mit Tatay Garlo, und Ina. Es ist nicht leicht, Tatay in seinen Gedanken zu folgen. Es passiert oft, dass die Bauern uns gegenüber all ihre Geschichten ohne Zusammenhänge präsentieren. Nachfragen braucht dann Geduld, viel Geduld.

Zu unserer zusätzlichen Verwirrung erzählt Tatay Garlo alle Geschichten zweimal, einmal an Aris, der dann für uns übersetzt, und während der Übersetzung an Ed. Resultat: Es gibt mittlerweile vom berüchtigten Warnschuss (im Webblog wurde berichtet) und den Geschehnissen danach drei unterschiedliche Varianten.
So wie in Tatay Garlos Fall werden vielerorts in Bondoc Kühe der Landbesitzer über die Ländereien getrieben, um die Ergebnisse der Landklassifizierung zu beeinflussen. Wird von DAR-Angestellten festgestellt, dass soundsoviele Kühe auf dem Land sind – Beobachtungen erfolgen lediglich an einem ausgewählten, zuvor bekannt gegebenen Tag – so fällt das Land nicht unter die Landreform und kann demzufolge nicht an Bauern verteilt werden. Es bleibt als Viehweide in den Händen der Großgrundbesitzer.
Neben diesen Schwierigkeiten sieht sich Tatay Garlo dem schwindenden Nachwuchs der örtlichen KMBP-Gruppe ausgesetzt. Die jungen Leute, so erzählt uns Tatay, seien verängstigt, der KMBP beizutreten. Der Landbesitzer und dessen Landadministrator würden zu den Jungen immer sagen, sie sollen Tatay nicht vertrauen und sich ihm nicht anschließen. Die Bauern der örtlichen KMBP seien nicht vereint, sagt Tatay Garlo besorgt, während in den Bergen ringsherum das Zusammenarbeiten innerhalb der Gruppe besser funktionieren würde.
Nicht nur die KMBP kann scheinbar in den Bergen besser zusammenarbeiten. Die Berge sind auch nach wie vor, so wird uns während unseres Aufenthaltes in den Beobachtungsgebieten immer wieder bestätigt, Versteck der bewaffneten Untergrundgruppe NPA.

Links die Frau von Kuya Boy. Rechts Sven. Was steht in seinem Gesicht geschrieben? Zehrt die Hitze? Zehren die Gespräche? Sind es Fragen? Sind es Sorgen? Sven, Ina und ich wissen meist, was uns bedrückt. Der Balkon an unserem Haus war schon oft Kummerkasten oder Ort für ehrlichen Austausch im Team.
Das Huhn, das einst rannte, sucht sich nach allen Gesprächen mit den Bauern während des Mittagessens ein Versteck in unseren Bäuchen. Dort trage ich es seither mit mir herum, zeige ihm den Strand von Catanauan, die Palmen von Mulanay, die Videoken dieses Landes, die Blubberblasen in meinem Wäschebottich, schöne Menschen im Dunkel der Nacht – und seit ein paar Tagen kennt es sogar alitaptap, fliegende, leuchtende Käfer und das Rauschen eines Wasserfalls in einem Versteck, das mich nicht versteckte.