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Menschenrechte wahren auf Bondoc 2009

Als Menschenrechtsbeobachtende auf den Philippinen

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« Artikel von Jan erschienen
Teil III: Gott ist, was die Menschen tun »

Teil II: Die Nilantangangesellschaft und Abschied von Yoly

4 August, 2009 von menschenrechtsbeobachtung

Das Haus von Roland Zano ist menschenleer. Das ist seltsam, denn es steht sonst nie ohne die Erscheinung irgendwelcher Menschen im Schein der Sonne und des Mondes. Hier, in Nilantangan, im Haus des Menschenrechtsverteidigers Roland Zano ist es für gewöhnlich lebendig.

“Wo stecken die bloß alle?”, fragt Übersetzer Aris. Ich zucke mit den Schultern und stelle meinen Rucksack beiseite. “Wir müssen das fotografieren. Das glaubt uns sonst niemand.”, stelle ich entschlossen fest und krame den Fotoapparat heraus.

aris im leeren haus nilantangan

Übersetzer Aris vor dem menschenleeren Haus Roland Zanos. Die Tür ist geschlossen, die Fenster verriegelt. Es sieht beinahe so aus, als sei Roland ausgezogen. Aber nein...

Mit einem kurzen Tanz feiere ich die Stille und lebe gleichzeitig die Seltsamkeit des Gefühls aus, das mich in jenem Moment beschleicht. Wer Nilantangan und Rolands Haus kennt, der ahnt, wie komisch sich die Leere an diesem Ort anfühlen mag.

Minuten später erreicht ein Junge das Haus. Aris tauscht sich kurz mit ihm aus. Aha, Roland Zano, die anderen Bauern und Nele, die gerade in den Philippinen ist, um für ihre Masterarbeit über IPON Interviews durchzuführen, sind im nahegelegenen Ort. Sie trinken. Sie haben eine Videoke. Sie feiern Neles Abschied.

Nele ist mit Nilantangan sehr verbunden, da sie – als frühere IPON-Beobachterin – im Jahr 2007 für einige Wochen hier gelebt hatte. Früher waren die IPON-Freiwilligen noch die ganze Zeit ihres Aufenthaltes über in den Beobachtungsgebieten und hatten eine dementsprechend tiefere Bindung zu den Bauern als jetzige Teams. Alle freuen sich, dass Nele zurückgekommen ist und nun ein paar Tage in dem Fischerort verbringt.

Aris und ich beschließen, auf Roland und Nele zu warten. Während wir uns über unsere Situation lustig machen, dass wir zu zweit vor Rolands Haus stehen, öffnet eben jener Junge, mit dem Aris zuvor diskutiert hatte, die hölzerne Tür. Kaum einige Momente später erreichen zwei weitere Jungs das Haus, kurz darauf einige weitere. Im Nu, kaum den Rucksack in das Haus getragen, spielt sich vor dem Haus Roland Zanos das gewohnt lebendige Leben ab. Es werden Maiskolben gegrillt, berüchtigte Fragen gestellt (“Are you single?”), Fotos gemacht und Lieder gesungen und gepfiffen.

nilantangan2

Bekannte Gesichter - wir erinnern uns aneinander und an die Momente, die wir zu Beginn des Jahres in Nilantangan teilten.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit spazieren Aris und ich barfuß durch den von der Sonne gewärmten Sand zum Haus von Yoly und dessen Eltern. Ich möchte mich gern bei Yoly persönlich verabschieden, da ich während meines Aufenthaltes oft mit ihm zu tun hatte.

Im Schatten seiner Bambushütte erfahren wir, dass Yolys Familie eine Einkommensmöglichkeit gefunden hat. Aufgrund von Habagat (Tagalog, S-O-Monsun) können die Fischer zurzeit zum Fischen nicht auf das offene Meer hinausfahren. Die Landfrage ist, wie bei vielen anderen Bauernfamilien in Nilantangan, auch für Yoly noch immer ungeklärt. Seine Familie hätte zwar die Bäume vor vielen Jahren gepflanzt. Ernten dürften aber lediglich jene Menschen, die für den Großgrundbesitzer Herrn Matias arbeiten. Deshalb kaufen Yoly und seine Eltern Rohmaterialien auf dem Markt, um Liegematten herzustellen. Diese Arbeit ist sehr mühselig und aufwendig, aber sie reicht aus, um eine Summe zu erwirtschaften, mit der die Familie über die Runden kommt. Allerdings ist der Markt für die Liegematten geprägt von Konkurrenz. In der Stadt Aurora, in der Yolys Familie die Werkstücke verkauft, gibt es zahlreiche Händler, die die gleiche Ware billiger anbieten.

Ich frage Yoly, ob er sich aufgrund der Einkommensmöglichkeit überlegt hätte, hier zu bleiben. Eigentlich, so war IPONs letzte Information, wollte sich Yoly für ein Zeugenschutzprogramm bewerben, was für ihn hieße, in die Hauptstadt Manila siedeln zu müssen. IPON hatte zugesagt, ihn bei den Gängen zu staatlichen Stellen zu begleiten. Auf meine Frage hin meinte Yoly, er würde in Nilantangan bleiben wollen.

abschied von yoly

Sue und Yoly vor dessen Bambushütte. Yoly sieht kräftiger und gestärkter aus, als noch vor sieben Monaten. Er hat einen hellen, wachen Blick und ein offenes Lächeln. Ihn in diesem Zustand zu verabschieden, stimmt mich selig.

Nach einem Erinnerungsfoto verabschieden wir uns. Ich lasse Yoly wissen, dass er dem neuen Team, das im September in Bondoc ankommen wird, genauso Vertrauen entgegen bringen kann, wie dem Team seit Januar.

Noch am Abend erreichen Roland und Nele, gut gelaunt und beschwipst, das Dorf mit einem bangka (Tagalog, Boot). Es wird noch ein geselliger Abend, bevor wir alle erschöpft ins Bett fallen.

Am nächsten Tag fahren wir per bangka in die Stadt Aurora, in der ein KMBP-Treffen stattfindet. Dort treffen wir auf Ina, die von Mulanay aus aufgebrochen ist, um mit uns zusammen dem Treffen der Bauern beizuwohnen.

Auf dem Treffen berichtet Roland Zano von der beschlossenen Verlängerung der Landreform und bedankt sich bei allen Bauern, die an den Protesten in Manila und Lucena teilgenommen haben. Er berichtet weiterhin von dem neu angelaufenen Projekt “Building Bridges for Peace” (BBP; Brückenbauen für den Frieden). Dabei ist mit den Brücken aber nicht gemeint, dass die kleinen Insel der Philippinen mittels Stahlgerüsts miteinander verbunden werden sollen. Die Brücken sind, na klar, ein Symbol. Aktivisten (z.B. von QUARDDS) treffen sich innerhalb des Projekts mit staatlichen lokalen und nationalen Akteuren, um Dialoge zu führen. Im Fokus steht dabei, wie Frieden u.a. in Bondoc entstehen und existieren kann. So haben sich die Offiziellen des Agrarreformministeriums beispielsweise bereit erklärt, innerhalb einer bestimmten Frist in einen direkten Kontakt mit den Großgrundbesitzern zu treten. Diese sollen aufgefordert werden, ihr Land gemäß der Landreform an landlose Bauern zu verteilen bzw. die vorgeschriebenen Ernteabgaben zu leisten.

Sollte es keine Reaktionen der Großgrundbesitzer geben, werden die Bauern mit Unterstützung von QUARDDS das ungerechte Ernteteilungssystem boykottieren und sich das nehmen, was ihnen laut Gesetz rechtmäßig zusteht. Die Aktionen werden der von Casay ähneln (in diesem Blog wurde berichtet). IPON hat Unterstützung zugesagt, sollte es zu solcherlei Aktionen kommen. Noch Ende August wird es erste Boykotte geben, sollten Landbesitzer und Agrarreformministerium nicht in Dialoge treten und Nägeln mit Köpfen machen.

Nach dem Treffen kaufen wir auf dem Markt in Aurora Zutaten für ein abendliches Festessen ein und fahren alle zusammen nach Nilantangan zurück. Dieses Mal nehmen wir den Jeep und atmen statt mit Salz angereicherter Luft Staub ein.

das schwein und die massage

Eine Massage für das Schwein. Kaum aus dem Jeep gehüpft, schon grunzt uns dieses Schwein an. Als ich ihm die Ohren knete, verstummt es und schließt die Augen. In einem Buch las ich einst, dass Ohrenmassagen bei Tieren beruhigend auf das Stimmunsbild wirken sollen. Die Zeilen in dem Buch scheinen einen gewissen Wahrheitsgehalt aufzuweisen. Als ich dann versuche, es zu umarmen, grunzt es wieder aufgeregt.

die nilantangangesellschaft

Die Nilantangangesellschaft. Stehend v.l.n.r.: Ein Bauer, ein Kind, Schwester von Maribel, ein Bauer, Roland Zano, Jansept, Sue, Nele, Maribel, Haushälterin von Roland. In der Hocke: Ina.

Noch immer guter Laune wegen der abenteurlichen Anreise, klettern wir, fast schon in gewohnter Manier, durch den Stacheldrahtzaun, der Nilantangan umzäunt. Er steht wie eh und je. Die Holzpfosten, die den Draht halten, sind fein säuberlich in den sandigen Boden eingelassen. Es scheint, dass kein Wind sie je umstoßen kann.

zaun nilantangan zaun in nilantangan

In Nilantangan verbringen wir einen geselligen Abend. Von Jansept, dem Community Organizer von QUARDDS, erfahre ich, dass die Philippinen keine Geschichte aufzuweisen haben, auf die ein Aktivist wie er stolz sein kann. In anderen Ländern, da hätten die Landlosen schon längst den Kopf der Landbesitzer auf Zaunpfähle aufgesteckt, um ein Zeichen zu setzen. Ich stelle mir vor, wie Herr Matias mit leeren Augenhöhlen auf den sandigen Boden Nilantangans blickt und seine Mundwinkel dabei herabhängen. Ich schüttel mich kurz und zeige Jansept mit einem eiligen Herunterschlucken des starken Alkoholgetränks, dass ich noch bereit bin, ihm zuzuhören und mich mit ihm zu sozialisieren. Von meinen Methoden des gewaltfreien Umgangs mit Mitmenschen kann ich ihn in jener Nacht wohl nicht mehr überzeugen.

waffe

Nele auf dem Boot in die Stadt Aurora. Im Hintergrund ein allen unbekannter Mann mit einer Schusswaffe.

Dass das Land vor Waffengewalt nicht zurückschreckt, wird uns am Morgen der Abreise aus dem Fischerdorf wieder vor Augen geführt. Beim Besteigen des bangka entdecken wir einen Mann, der ein Gewehr trägt. Wir fragen Roland, wer das sein mag. Er zuckt mit den Schultern. “Vielleicht hat hier auf dem Boot jemand einen Leibwächter.”, antwortet er nur kurz und lässt sich den Fahrtwind durch das Haar wehen. Wenn Roland nicht besorgt ist, dann können wir uns auch zurücklehnen, den Wellen beim Peitschen zusehen und das Rauschen des Wassers genießen.

sue und jansept

Jansept und Sue auf dem Boot, umweht von salzgeschwängerter Luft.

ina und sue

Sue und Ina. Der Aufenthalt in Nilantangan hat uns das Leben der Bauern wieder näher gebracht. Um als Friedensbeobachterinnen arbeiten zu können, brauchen wir diese Eindrücke. Auf diese Weise können wir jenen, die weit weg von Bondoc im Büro sitzen, begreiflich machen, unter welchen Bedingungen die Bauern ihr Leben leben.

Nilantangan, werde ich dich wiedersehen? Diese Frage hat sich Nele vermutlich vor zwei Jahren auch gestellt. Sie ist zurückgekehrt in das kleine Fischerdorf, das nach wie vor um Land kämpft. Seit 2007 hat sich hier viel geändert. Viele der Jugendlichen, Kinder von Bauern, sind in das Militär eingetreten. Ein Sohn des auf Bondoc bekannten Goons (bewaffneter Landverwalter des Großgrundbesitzers Herrn Matias) ist in die KMBP eingetreten und kämpft mit den Bauern zusammen für die Verteilung des ihnen zustehenden Landes. Er setzt sich damit der Kritik seiner Familie aus, die nicht nur bereit sein wird, ihren Sohn tatenlos vor die Bambustür zu setzen. Für die Bauern von Nilantangan sind das alltägliche Geschäfte. Für mich als Friedensbeobachterin ist so mancher Aspekt schwer verdaulich.

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