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Menschenrechte wahren auf Bondoc 2009

Als Menschenrechtsbeobachtende auf den Philippinen

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« IPON Herbstseminare für Interessierte
Artikel von Jan erschienen »

Teil I: Unter einem zerrupften Federkleid

3 August, 2009 von menschenrechtsbeobachtung

Es ist mehr als Menschenrechte zu dokumentieren. Es ist mehr als zu beobachten, wie fremde Kühe über den Gemüseacker der Bauern getrieben werden. Es ist mehr als von einem betrunkenen Polizisten gesagt zu bekommen, dass der Gefangene rechtmäßig verhaftet worden ist. Der Aufenthalt in den Philippinen mit der Organisation IPON ist mehr als anfangs angenommen, denn es geht nicht nur darum, als Beobachterin zu arbeiten.

Zu Beginn stellt sich jeder und jede, die von IPON hören, die Frage, was wir eigentlich machen. Als Mitglied einer sehr jungen Organisation fällt es mir schwer, eine kurze Antwort zu geben. Da bedarf es schon einer längeren Erklärung.

Sozialstunt. Wer mit IPON in die Philippinen geht, lässt sich auf eine sehr intensive Zeit innerhalb einer kleinen Gruppe ein. Wir essen zusammen, wir kaufen zusammen ein, wir schlafen in einem Haus, in dem auch unser Büro ist. Arbeitsplatz, Freizeitgestaltung, der gesamte Lebensraum – all das auf einem sehr engen Raum, innerhalb einer sehr kleinen Einheit. Offene Gespräche untereinander helfen uns über einige Unzufriedenheiten hinweg. Mentor Patrick, in Deutschland lebend, ist für uns da, wenn wir einen persönlichen Ratschlag brauchen und die oftmals zur Problemlösung nötige Distanz nutzen möchten. Sven, Ina und ich, jeder von uns hat seine eigenen Methoden, um sich mit der Situation anzufreunden. Es ist ein Sozialstunt, wie eine Freundin von mir einst in einem anderen Zusammenhang erkannte. Dieser Sozialstunt kann gleichzeitig Antrieb für die Arbeit in IPON, aber auch Auslöser für Frustration oder Freude innerhalb des Teams sein.

tierrechte

Gerupftes Federkleid, schwerer Atem - dem Tode nahe? In einem Moment glaubte ich, dass Hühnchen würde gleich umfallen und der Atem würde es verlassen. Als ich im nächsten Moment hinsah, war es fort. Es rannte um unsere Beine herum und jagte ein anderes, größeres Huhn. Die letzte zusammengeklaubte Kraft oder einfach nur ein befremdliches Antlitz von Leben? - Auch unter einem zerrupften Federkleid steckt Leben.

Das Leid der Menschen um dich herum. Die Bauern der KMBP, die wir begleiten, wohnen auf dem Land. Dieses ist weit entfernt von der Hauptstadt Manila, in der die politischen Entscheidungen getroffen, in der Geld und Papiere gefälscht und Autoabgase eingeatmet werden. Auch wenn das Leben in Bondoc auf mich einen friedlichen Eindruck macht, ich mich an den Bergen erfreuen kann und der Meinung bin, dass die Bauern Bondocs längst nicht einen so strengen und verbitterten Blick haben wie die Menschen, die ich in Manila erlebt habe – so ist es nur mein Gefühl. In der Wirklichkeit der Bauern zählen diese sich zu den Ärmsten des Landes. Dass sie von einem Armutsbegriff ausgehen, der bestimmt ist von Geldnot und Entscheidungsunfreiheiten, das erwähnen sie nicht extra. Kinder sehen selten Gemüse, obwohl direkt neben ihnen der Mais gedeiht. Ich habe selten einen Bauern Buko (junge Kokosnuss) trinken sehen, für uns Gäste hingegen werden sie nicht selten frisch von den Bäumen geerntet. Zu Demonstrationen und Gerichtsverhandlungen können die Bauern teilweise nicht fahren, weil sie kein Geld besitzen. Nicht einen Pesoschein! Sie fragen uns nach Geld, immer wieder werden wir darauf angesprochen, finanzielle Hilfe zu leisten. Einmal, das war im April, haben wir ihnen gemeinschaftlich die Benutzung eines Jeeps bezahlt, damit sie zur Demonstration fahren konnten. Oft lehnen wir ihre Bitte ab, wollen hart bleiben. In “unserer” Welt sind wir diejenigen, die wenig Geld besitzen. Das erzähle ich ihnen nicht so oft. Ich verstecke meine Traurigkeit hinter ihren Rücken, die müssen sie nicht auch noch tragen. Zu viel spielt sich schon vor ihren Augen ab: Vom Großgrundbesitzer bestochene Ministeriumsangestellte, ermordete Freunde, gerippige Hunde, Kinder, die nicht zur Schule gehen können, Taifune, offizielle Dokumente zur Klärung (oder Verworrenheit) der Landfrage, mit denen höchstens das Kochfeuer entfacht werden kann.

Die Beziehung zu denen, die du schützen willst. Unter diesem zerrupften Federkleid steckt eine Kraft, sich gegen das “Böse”, gegen den “Feind” aufzubäumen. Die Bauern von Bondoc sind bereit für einen bewaffneten Kampf. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Feindbilder zu kreieren ist mir fremd. Sie selbst haben ebenfalls Schwierigkeiten, zu sagen, wer genau der Feind eigentlich sein soll. Ist es das negative Gefühl in ihren Herzen, gegen das sie ankämpfen wollen? Und gegen all jene, die dieses Gefühl in ihnen auslösen? IPON ist mittendrin in dieser Kette aus frustrierenden Ereignissen. Wir selber sind Bildschirm für die Sorgen der Bauern und Aktivisten geworden. Plötzlich, es ist nunmehr zwei Monate her, ging es nicht mehr um herzliche Einladungen der IPON-Freiwilligen in die Beobachtungsgebiete, sondern es ging um all das, was wir nicht gegeben haben und vielleicht auch nie geben können. Die Bauern der KMBP und die Mitglieder der begleitenden Organisation QUARDDS kritisieren unseren Menschenrechtsansatz. Dieser stellt allerdings unsere Garantie dar, um auf der internationalen Ebene arbeiten zu können. Wie kann es funktionieren: Ist es uns möglich, die abstrakte Ebene, die viel zu weit weg ist vom Alltag jener Menschen, für die wir uns einsetzen wollen, zu verknüpfen mit den Erwartungen eben dieser? In Gesprächen erfolgte ein reger Austausch mit den Bauern der KMBP und den Mitgliedern von QUARDDS.  Wir sahen uns neben den Kritikpunkten, an denen wir zurzeit arbeiten, unter anderem auch kulturellen Kommunikationsschwierigkeiten ausgesetzt. So direkt, wie wir die Dinge aus- und anzusprechen pflegen, realisiert das kaum ein philippinischer Mensch. Da müssen wir meist erst zum nächsten Sari-Sari-Geschäft laufen und eine Flasche Matador einkaufen, um die Redehemmung unserer Partner zu senken. Dann kommt es dafür umso heftiger aus ihnen herausgesprudelt.

Die Beziehung derjenigen, die helfen wollen, zu denen, die Hilfe brauchen. Was in mir endlose Gedankenschleifen hervorruft, ist jedoch nicht nur die Beziehung IPONs zu QUARDDS und der KMBP, sondern auch die Beziehung zwischen QUARDDS und der KMBP selbst. Wie gehen die Aktivisten mit den Bauern um? Ziele von QUARDDS sind, die Bauern in ihren Rechten aufzuklären, sie in politischen Angelegenheiten zu schulen, Kampagnen zu planen, sie zu staatlichen Stellen zu begleiten usw. Was aber, wenn diese Beziehung derart von ungerechten Machtstrukturen durchsetzt ist, dass am Ende jedes “gut” gemeinte Ziel umzukippen droht? Was, wenn jene, die helfen wollen, letztendlich die gleichen Methoden anwenden, wie jene, die von ihnen kritisiert werden? Im Moment ist das der größte Punkt, an dem ich an einem Bleistift kauend meine Gedanken sortieren muss, um sie anschließend niederzuschreiben. Wie können wir Menschen uns verständigen, uns unterhalten, wenn wir einander nicht zuhören? Und die Beantwortung dieser Frage ist in meinen Gedanken nicht zu durchsetzen mit kulturell bedingten Entschuldigungen, wenn wir eine friedlebige Welt schaffen wollen. Die Bauern Bondocs werden jedoch manchen Moments nicht nur von der Regierung mit Schmach behandelt und zu einer nichtigen Erscheinung niedergepresst…

Unter einem zerrupften Federkleid bleibt dann ein riesiger Berg Gedanken, der nach und nach abgetragen werden muss.

Wenn sich jemand nach all diesen Worten fragen mag – Himmel bewahre, was ist denn bei denen in IPON los? – dann möchte ich beruhigende Worte entgegnen: Es ist einfach nur das Leben los, weiter nichts.

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