Das Gefühl warmen Sands unter den Füßen ist noch da. Die Spuren Nilantangans sind überall zu sehen, in der Kleidung, am Rucksack, an den Händen. Eine kurze Zeit zum Durchatmen und Verweilen im Zuhause in Mulanay lässt Zeit zum Austauschen mit Kollege Sven, der allerhand im Büro zu tun hatte, während Ina, Nele und ich bei den Bauern waren. In der Zwischenzeit ist auch Freund und Übersetzer Edvardo aus Bicol in Mulanay angekommen. Er wird uns neben Aris bei der Verständigung mit den Bauern unterstützen, wenn wir am nächsten Tag erneut zu ihnen aufbrechen werden.

Es regnet. Der Blick von unserem Balkon aus schweift über das Dach des Nachbarhauses, von dem das frische Wasser herabfließt.
Der Abend jenes Tages wird lang. Zusammen mit unseren Übersetzern Aris und Edvardo planen wir unseren erneut anstehenden Aufenthalt in den Beobachtungsgebieten Bondocs. Die Erlebnisse und Dokumentationen aus Nilantangan und weitere strategische Vorgehen werden verschriftlicht und diskutiert. Ein interner Tätigkeitsbericht IPONs, der all jene Erlebnisse erläutert, von denen wir seit Juli 2008 zehren, muss noch ein letztes Mal überarbeitet werden, um dann an das Übersetzungsbüro in Manila zu gehen. Sachen gepackt? Tausendpesoscheine gewechselt? In den abgelegenen Gebieten der Bauern lässt sich schwer mit 1000 Peso bezahlen. Der Geldschein entspricht ca. 15 Euro.
„Können manche Tage nicht 40 Stunden haben?“, seufzt Sven und kommt die Treppe herunter gerannt. „Bitte nicht.“, antworte ich beiläufig und zwinge die Unterlagen, in meine Tasche zu rutschen. Mit großen Schritten renne ich die Treppe hoch, suche, wühle, renne die Treppe wieder hinunter, suche und wühle. Ina stellt fest, dass ich gestresst bin. Vor einem Aufenthalt in den Beobachtungsgebieten ist immer eine Menge zu erledigen, um gut vorbereitet auf die Bauern zu treffen.
Am Morgen des 24. Juli brechen wir zu fünft auf. Ina, Sven, Edvardo, Aris und ich – gespannt auf das, was kommen wird. Ein wenig wehmütig bin ich zu jenem Zeitpunkt schon. In den bevorstehenden Wiedersehen stecken viele Abschiede – sei es von Orten oder von Menschen, die mich fast neun Monate begleitet haben – und viele Sorgen um den Bestand des IPON-Projekts in Bondoc und um die Situation der Bauern. Ina und Sven helfen mir, Vertrauen aufzubauen, dass die neuen Freiwilligen unsere Arbeit hier in Bondoc weiterführen werden. Die Sorge um die Situation der Bauern und die Konfrontation mit tiefsinnigen Fragen über das Leben in den Philippinen sollen Edvardo und mich während des Aufenthaltes in den Beobachtungsgebieten nicht loslassen.

Der Bus nach San Andres Stadt, in den wir nach zweistündiger Wartezeit steigen. Im Hintergrund ein für Mulanay nicht untypisches Bild: Karten spielende Menschen, im Kreis um einen Tisch herum sitzend. Des öfteren liegt neben den Karten, etwas verborgener, auch ein Häufchen Münzen.
Zwei Stunden warten wir auf den Bus. Ich beobachte das Treiben um uns herum, bin erst wachsam, dann in Gedanken versunken. (…Aber selbst wenn du Nichts bist, bist du noch. Du bist mindestens Masse, die zu Erde wird. Also wirst du. Und was werden kann, das kann nicht Nichts sein, denn Werden ist ein Merkmal von…) Der Bus bringt uns, trotz rostiger Laube, nach San Andres Stadt. Dort kaufen wir linierte Röllchen, lesen Nachrichten im Baum und fahren mit „Binladen“ auf einem Weihnachtsbaum zum Haus des Präsidenten der KMBP.

Edvardo, Sue und Aris. Wir kaufen an meinem Lieblingsmarktstand Bondocs ein. Edvardo entdeckt frischen Tabak. "Wollen wir?", fragt er mich. Ich nicke und beobachte die Frauen beim Eindrehen des Tabaks in - liniertes Schreibpapier!

Die zwei Frauen beim Eindrehen des Tabaks. Sie missverstehen uns und drehen 20 (!) Zigaretten. Aris und Ed probieren am Abend, was am Nachmittag in mühseliger Feinarbeit präpariert wurde. Sie spucken und empfehlen mir, mich für Verzicht zu entscheiden. So bleiben die linierten Röllchen ein ewiges Geheimnis für mich.


Zu kaufen gibt es Zeitungen nie oder gar höchst selten in den Dörfern und Klein(st)städten Bondocs. Dafür hängt in San Andres ein Nachrichtenblatt in einem Baum am Marktplatz. So werden Neuigkeiten ein Bestandteil des öffentlichen Lebens.

Unser Fahrer mit seinem Gefährt. (Ein Freund aus Bicol nannte ein Tricycle einen "geschmückten Weihnachtsbaum", weil ganz viele Menschen darin und darauf Platz finden können.) Den ganzen Tag über wartet er auf Fahrgäste, dreht an wackeligen Schrauben seines Tricycles, lenkt die Räder durch feinen Staub und nimmt am bunten Leben in San Andres teil.

Unser Fahrer, Mitglied der KMBP, wird von Vertrauten scherzhaft 'Binladen' genannt. "Guckt seinen Bart an.", sagt Aris zu uns und zeigt zu 'Binladen' herüber. Wir kennen 'Binladen' bereits von Gerichtsverhandlungen, die wir besucht haben. Er wird, wie viele andere Bauern aus San Andres, des Kokosnussdiebstahls beschuldigt.

Wir halten vor dem Haus des Bürgermeisters von San Andres Stadt an. Während Sven und Aris ein Treffen mit zwei KMBP-Mitgliedern innerhalb der nächsten Tage arrangieren, klettert Ina aus dem Beiwagen des Tricycles. Hier finden wir während der Fahrt zu dritt Platz.

Ein Berg, bergauf, es fährt nicht mehr - Sven, Aris und Edvardo schieben unser Gefährt den Berg hinauf. Der Motor hatte zuvor aufgegeben.
Einen holprigen Weg später erreichen wir das auf Sand gebaute Haus des KMBP-Präsidenten Ka Arsing. Er ist nicht da. Die Erntezeit zwingt den Bauern und einen Teil seiner Familie, die Tage und Nächte auf der Farm in den Bergen zu verbringen. Ein Sohn Ka Arsings fährt mit dem Motorrad los, um die Nachricht unserer Ankunft zu verkünden. Ein paar Stunden, viele Gespräche und ein Bad im Ozean später, es ist bereits dunkel, erreicht Ka Arsing, zusammen mit seiner Frau, das Haus der Familie. Wir vereinbaren ein Interview für den nächsten Morgen, zu dem auch weitere betroffene Bauern kommen werden.

Der Zugang zu Ka Arsings Haus, von der Straße aus, die nach San Andres Stadt führt. Hier fahren keine Jeeps oder Autos. Die einzigen Fortbewegungsmittel auf dieser Straße sind Tricycle, Motor- und Fahrräder sowie Karabaos.

Eine kleine Hütte, gebaut auf Sand, bietet Schutz vor der sengenden Hitze. Unter ihrer Obhut führen wir das Interview mit den Bauern.

Die Wohnhütten der Familie Ka Arsings. Wir haben selten in einem solch komfortablen Haus genächtigt.

Aris, Ina und Sven während der Vorbereitungen für das Interview mit den Bauern aus der Gemeinde in San Andres.
Die Bauern um Ka Arsing, die in dem Gebiet um San Andres Stadt ihre Ländereien bewirtschaften, leben seit 1998 unter der Bürde der ungeklärten Landfrage. Seit über zehn Jahren werden sie von Großgrundbesitzer und Agrarreformministerium in Verwirrung gesetzt und daran gehindert, unbeschwert die Ernte der Kokospalmen einzubringen. 18 Bauernfamilien sind in den Streit involviert. 8 dieser Familien müssen nun ihre Ländereien verlassen. So sagt es ein richterlicher Beschluss aus dem Jahr 2004. Aus Protest blieben die Bauern, wo sie immer schon waren, und bleiben auch heute noch dort. Sie bestellen das Land und ernten. Nach wie vor stellen sie aus den Kokosnüssen Copra her, mit der sie ein Einkommen erwirtschaften können. Anfang Juli, nicht allzu lange her, sehen sie sich mit einer Auseinandersetzung mit den Verwaltern des Landes (Angestellte des Großgrundbesitzers) konfrontiert. Um der Situation einen friedlichen Verlauf zu geben, unterstützt der Gemeindepolizist die aufeinander treffenden Interessengruppen. Bis jetzt blieb es bei Anzeigen seitens des Großgrundbesitzers und verbalen Streitereien.

Auf dem Tisch verteilt liegen Unterlagen, die Licht ins Dunkel der IPON-Dokumentationen bringen sollen. Anzeigen, Gerichtsbeschlüsse, Erklärungen - die Worte stehen in einer uns verständlichen Sprache geschrieben, aber die Landfrage bleibt für die Bauern weiterhin ungeklärt.

Ein nachdenklicher KMBP-Präsident während des Gesprächs: Ka Arsing.
Ka Arsing zeigt sich während des Interviews besorgt um die Situation der Bauern aus seiner Gruppe. (Einige Wochen später, auf dem monatlichen KMBP-Treffen in Mulanay, lässt sich Ka Arsing die Telefonnummer unseres Übersetzers und Freundes Dondi geben, um ihn im Notfall anrufen zu können.)
Das Gespräch mit Ka Arsing und den Bauern ist für uns alle aufklärend. Wir beginnen mehr und mehr, zu verstehen, zu sortieren. Nach dem Interview…

Sei meinem schweren Kopf eine Stütze, lieber Aris.

Sue, Ina und Sven.

Wir gehören zusammen, nicht?
Ka Arsing und seine Frau laden uns auf ihre Farm ein. Sie bringen Töpfe und klirrendes Geschirr. Der Weg führt uns auf der staubig trockenen Straße entlang, an Kokospalmen vorbei, in die Berge. Unterwegs werden Ina und ich fasziniert von grasenden Karabaos, von den Palmen geangelten jungen Kokosnüssen, grunzenden Ferkeln und Reisbauern.
„San!“, ruft Ka Arsings Frau aus der Ferne, während ich an meiner Kamera herumstelle und mit blinzelnden Augen nach einem passenden Motiv suche. „San!“, erschallt es erneut. „Opo! Jawohl.“, schreie ich zurück, knipse auf den Auslöser und renne zu der wartenden Frau. Sie lassen einen aber auch nicht allein zurück, denke ich. Die Begeisterung über die Landschaft weicht nicht aus meinen Gesichtszügen.

Frische Buko. Nein, die jungen Kokosnüsse sind nicht alle von dieser einen Palme herab gefallen. Es handelt sich lediglich um eine Sammelstelle.




Der Weg ist teilweise etwas matschig. Die Bauern schaffen es tatsächlich, durch den dicksten Matsch ohne sichtbare Spuren an Kleidung und Schuhen zu laufen. Wenn ich mich also nur an die Fährten von Ka Arsing und seiner Frau hänge, dann könnt ´s gehen.

Reisbauern in einem Reisfeld. Den ganzen Tag stehen sie zwischen den Gräsern in einer flachen Wasserschicht, bücken sich und bewirtschaften das Land.

Wir passieren eine Hütte in den Bergen. Der Wachhund ist noch klein. Bellt ein Hund nicht, der als Wächter der Bauernfamilie eingestellt ist, dann wird er bei der nächsten Zelebrierung (eines Geburtstages etc.) als Speise dargeboten. Dieser kleine Hund bellt, begrüßt uns aber sehr herzlich und lässt sich das Fell kraulen. Von einer Frau, die interessiert aus der Hütte kommt, bekommen wir Wildgemüse geschenkt. Ka Arsings Frau möchte die grünen Blätter auf der Farm für unser Essen zubereiten.
Wir erreichen den Ort, an dem Ka Arsing und seine Familie seit über einem Monat Kokosnüsse von den Palmen ernten und daraus anschließend Copra herstellen. „Es riecht nach Bondoc.“, freue ich mich, als wir auf der Farm ankommen und Rauch aus einer Tonne emporquillt. (Auch wenn sich mein umweltwissenschaftliches Herz beim Anblick des Qualms gleich verzieht…) Dennoch, der Duft der räuchernden Kokosnussschalen verbindet Sinneswahrnehmung mit meinen Erinnerungen an Momente in den Beobachtungsgebieten. Edvardo und ich drehen eine Runde durch die Kokospalmplantage. Vorbei an der qualmenden Tonne mit Copra spazieren wir zum Fluss. Vier Carabaos blicken uns aus dem Wasser heraus an, kauend, laut aus der Nase ausatmend, ansonsten nahezu regungslos.


Ein kurzer, sich bergauf windender Pfad führt uns zu einem Bauern, der mit einem Bolo hochgewachsene Pflanzen abschlägt. In einem raschen Tempo kämpft er sich durch das grüne Gezweig und steht bald auf einem kahlen Stück Erde. Ich schaue Ed mit großen Augen an. „Kannst du mir übersetzen, dass ich auch helfen mag?“, frage ich Ed. Er überlegt. „Bitte! Ich muss mal meine Arme bewegen. Im Büro ist das immer so schwierig.“ Wir lachen und Ed geht verlegen zu dem Bauern herüber. Ich folge seinen Fersen und übernehme das Anlächeln des jungen Bauern, während Ed qualifiziert seinen Übersetzerjob erledigt.
Resultat: Ich stehe mit einem Bolo in den Gräsern und schlage gezielt um mich. Der Bauer ist in einigen Metern Entfernung auf der Hut, was mit seinem Bolo und den Pflanzen geschieht. Ed betrachtet aus nächster Nähe, wie die Pflanzen nach einem wuchtigen Schlag umfallen, und gibt mir Ratschläge zum Bewegungsablauf des Sensens mit dem Bolo. Nach etlichen Schlägen und einer sortierten pflanzlichen Verwüstung ruft der Bauer herüber, dass ich an sich nur die alten Maispflanzen schlagen muss. „Na toll!“, brumme ich zu Ed, „Das sagt er mir jetzt, wo ich schon seit Minuten alles schlage, was hier herumsteht.“ „Das muss eh irgendwann weg.“, beschwichtigt Ed, „Dann ist es gut, dass du das gleich mit erledigt hast.“
Ich sehe an mir herab und betrachte meine Beine und meine Hände: Lauter kleine, feinste Stacheln, die überall in der Haut stecken. (Bis heute habe ich lauter rote Punkte an den Beinen, die jeden Abend jucken. Die Bauern sagen, das kommt von den Maispflanzen.)

Ka Arsings Farm in den Bergen. Im Hintergrund der Rauch, der beim Räuchern der Kokosnussschalen entsteht.

Bukoernte. "Wollt ihr Buko trinken?", werden wir gefragt. "Mhm.", antworten wir verschmitzt. "Sie hätten sich die Frage auch sparen können.", kichern wir und freuen uns auf das Getränk.

Ein Sohn Ka Arsings (Ka Arsing hat 14 Kinder.) spickt Kokosnüsse auf, um sie auf einen Haufen zu befördern.


Ka Arsings Frau (rechts) beim Maiskolbenputzen auf der Farm in den Bergen.

Die Bukos werden für uns aufgeschlagen, damit wir aus dem Loch die Flüssigkeit schlürfen können.
Mit den kleinen Stacheln am Körper gehe ich zusammen mit Edvardo zu den anderen zurück. Ka Arsing und seine Familie, Freunde der Familie, Aris, Ina und Sven sitzen beieinander. Das Essen ist bereits aufgetischt worden. Grüne Blätter schwimmen neben Maiskörnern und Fisch in den Essschalen. Dazu gibt es Reis. Lecker! Ich schlinge das Gemüse mit dem Reis herunter und mit ihm die Besorgnis um das Bestehen des IPON-Projektes. In der scheinbaren Idylle vergehen Gedanken an bewaffnete Untergrundkämpfer, an korrupte Angestellte in staatlichen Ministerien, an Kinder, die ihre Eltern und die Farm verlassen, um ein Leben in der Stadt zu beginnen, an Denguefieber und die vergessene Internetrechnung (weshalb uns für ein paar Tage der Zugang zum Internet gesperrt wurde).

Links eine reife, aufgeschlagene Kokosnuss. Rechts Buko, junge Kokosnuss.

Sue, Ina und Sven beim Bukoschlürfen. Für eine Weile bewegen wir uns nicht unter der Hütte hervor. Eine warme Speise wird serviert, danach gibt es frische Buko und gekochte Maiskolben. Im Schutz der Hütte schlafe ich für einen kurzen Moment ein.

Oma Villamor mit Enkelkind: Ka Arsings Frau und das Baby, das uns hin und wieder neugierig beäugt.

Ka Arsing und sein Enkelkind in der Hängematte. Zwischen Ernten, Land bestellen und kochen bleibt für die Großeltern auch Zeit, um mit den Kindern und Enkelkindern zu spielen, sie in den Schlaf zu wiegen oder sie nach dem Ausruhen über die Wiesen durch die Kokosnussplantage zu jagen.
Obwohl wir uns nicht in fließendem Englisch mit Ka Arsing und dessen Frau verständigen können, so sind sie uns allen sehr angenehme Wegbegleiter. Auf vergangenen KMBP-Treffen war der KMBP-Präsident selten zugegen. Zu unserem Erstaunen. Er hätte so viel zu tun, beteuerten die anderen Bauern dann. Zudem würde sich bei Ka Arsing in San Andres die Landsituation zuspitzen.
In einem Gespräch am Abend, wir sind gerade von der Farm nach Hause zu Ka Arsing gewandert, erzählt uns dieser, dass er unzufrieden mit der Situation der KMBP sei. Einige der lokalen Präsidenten der KMBP würden nur an sich denken und nicht die Interessen der Bauern Bondocs repräsentieren. Er äußerte, dass er es nicht verstehen könne, wenn die KMBP die Anwesenheit IPONs nicht zu schätzen wisse. Wir seien Freiwillige und die KMBP hätte keine Ausgaben mit uns, sie könnten also auch den kleinsten Nutzen an uns akzeptieren. Für Ka Arsing, so sagt er selbst, sind wir eine moralische Unterstützung.
Ina und ich sind traurig, dass wir uns aufgrund der Sprachbarriere nicht direkt mit Ka Arsing unterhalten können.
Etliche Stunden später, Ed und ich sitzen an einem langsam dahinfließenden Gewässer an einem anderen Ort in den Bergen fernab von San Andres Stadt, erzählt mir Ed von Ka Arsing. Sie haben sich unterhalten, als ich noch geschlafen habe. „God is, what the people do.“, übersetzt mir Ed die Lebensphilosophie des KMBP-Präsidenten. Gott ist, was die Menschen tun. Ich denke lange über diesen Satz nach. Wenig später soll sich zeigen, was für mich dahinter steht. Edvardo redet weiter. Über Ka Arsing. Darüber, dass dieser bereit sei, mit den Bauern in den bewaffneten Kampf zu ziehen. Früher habe er schon zur NPA gehört, ihre Methoden seien ihm deshalb nicht fremd. Ich staune, aber eigentlich sollte es mich nicht überraschen. So viele Bauern haben einst zur NPA gehört und verstecken noch heute die Zeichen der einstigen Zugehörigkeit zu der bewaffneten Gruppierung in ihrem Nachtschrank.
„Ka Arsing ist sehr überlegt.“, sage ich nach einer Weile zu Ed. Wir beobachten die Hölzer, die vom Wasser an uns vorübergetragen werden. „Er hat all seine Erkenntnisse durch Beobachtungen und Erfahrungen bekommen.“, erzählt Ed. Er hat nie ein Buch über Kirchenkritik gelesen, denke ich und sage zu Ed, dass ich Ka Arsing bewundere. „Er ist nur drei Jahre zur Schule gegangen.“, fügt Ed hinzu, „Und er arbeitet hart auf dem Feld, damit alle seine jüngeren Kinder zur Schule gehen können.“
Und ganz nebenbei versucht er, ein aufmerksamer Präsident der KMBP zu sein. Meinen Beobachtungen zufolge ist das ein schweres Unterfangen, denn nicht alle scheinen Ka Arsing so zu schätzen, wie Ed und ich in jenem Moment am Fluss. Wobei – kenne ich diesen Menschen, der mit einem verschlossenen, aber dennoch wachen Blick auf der Holzbank vor seinem Haus sitzt oder der auf seiner Farm in der Hängematte mit seinem Enkelkind baumelt? Es sind Geheimnisse, die mir immer verborgen bleiben werden. Was bleibt sind ein Lächeln und die Zeit, die wir miteinander teilen, nur um des bloßen Seins Willen. Dieses Sein wird umso interessanter, wenn wir uns um ein Geheimnis herum gegenseitig moralisch stärken können. Mit dem gegenseitigen Vertrauen, dass alles gut so ist, wie es ist.

Geschafft, am Ende des Tages. Sue, Ka Arsings Frau, Aris und Ka Arsing.